Das Deutsch-Ungarische Institut für Europäische Zusammenarbeit verfolgte am 6. September 2026 im Rahmen eines Wahlabends die Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt live und analysierte dessen Ergebnisse. Der Veranstaltung, die mit mehr als 80 Gästen stattfand, wurde besondere Aufmerksamkeit geschenkt, da die Umfragen im Vorfeld der Wahlen auf eine Unterstützung der AfD auf historischem Höchststand hindeuteten, während die regierende CDU im Vergleich zu den Ergebnissen von 2021 einem bedeutenden Rückfall gegenüberstand. Eine der wichtigsten Fragen der Wahlen war, ob die erste Landesregierung in Deutschland zustande kommt, an dessen Spitze ein AfD-Politiker steht.

 

Die Gäste wurden von Lara Felföldi, Praktikantin unseres Instituts, vorgestellt; anschließend stellte Ágnes Horváth, Redakteurin und Moderatorin bei MTVA, die Teilnehmer vor und moderierte die Diskussion. Danach hielt Dr. Bence Bauer, Direktor des Deutsch-Ungarischen Instituts für Europäische Zusammenarbeit, eine Begrüßungsrede. Der Wahlkampf, die Chancen der Parteien und die ersten Ergebnisse analysierten Dr. Bence Bauer, Dr. András Hettyey, Dozent an der Andrássy-Universität, Dr. Ágoston Sámuel Mráz, Leiter des Nézőpont-Instituts, sowie Gergely Prőhle, Direktor der Otto-Habsburg-Stiftung und ehemaliger ungarischer Botschafter in Berlin und Bern. Im Laufe des Abends fand auch ein kurzes Quiz statt: Die Teilnehmer konnten nämlich das Endergebnis der Wahl vorhersagen.

Die Wahlbeteiligung an den Wahlen lag schon in den frühen Abendstunden höher als vor fünf Jahren: Um 16 Uhr gaben 65,3% ihre Stimme ab, gegenüber den endgültigen 60,3 % im Jahr 2021. Die endgültige Wahlbeteiligung erreicht 77,8%, was einen eindeutigen Rekord darstellt. Den Experten zufolge zeigte die hohe Wahlbeteiligung und das herausragende Ergebnis der AfD zusammen darauf hin, dass die Wahl nicht nur eine passive Protestwahl war, sondern auch von einer starken politischen Mobilisierung begleitet wurde.

Auf der Grundlage der ersten Hochrechnungen zeichnete sich schnell die Überlegenheit der AfD ab. Die ersten Hochrechnungen sahen die AfD bei etwa 42 %, die CDU bei 22 %, Die Linke bei 11 %, die SPD bei 8 %, die Grünen bei 6 %, das BSW bei 4 % und die FDP bei 3 %. Die später eintreffenden Ergebnisse zeigten einen noch größeren Vorsprung der AfD: Die AfD kam auf 43,8 % (+23,0 %), die CDU bei 17,2 % (–19,9 %), Die Linke bei 8,6 % (–2,4 %), die SPD bei 9,3 % (+0,9 %), die Grünen bei 8,9 % (+3,0 %) und das BSW bei etwa 5,3 % (+5,3 %). Bei der Auswertung der Ergebnisse wies Bence Bauer darauf hin, dass der Aufstieg der AfD kein neues Phänomen in Sachsen-Anhalt sei. Die Partei erreichte bereits bei den Landtagswahlen 2016 ein Ergebnis von etwa 24% und konnte seine Zustimmung seitdem stetig steigern. Das aktuelle Ergebnis ist besonders bemerkenswert, da sich zwischen der AfD und der zweitplatzierten CDU ein Abstand von rund 26 Prozentpunkten ergeben hat. Die Experten waren sich gleichzeitig einig, dass das Ergebnis der AfD nicht ausschließlich mit der Migrationsfrage zu erklären ist. Die Partei ist besonders in den Regionen sehr beliebt, in denen die Abwanderung stark ist. Dies könnte darauf hindeuten, dass die sozialen und wirtschaftlichen Probleme in Ostdeutschland, die Unsicherheit hinsichtlich der Zukunft der Regionen und die daraus resultierende politische Unzufriedenheit eine wichtige Rolle im Wahlverhalten spielen; der Vormarsch der AfD sollte daher als Teil breiterer gesellschaftlicher Prozesse interpretiert werden.

Ulrich Siegmund, Spitzenkandidat der AfD im Bundesland, wies darauf hin, dass er nur im Falle einer absoluten Mehrheit das Amt des Ministerpräsidenten übernimmt. Laut Bence Bauer würde jedoch, sollte die AfD in irgendeiner Form Regierungsverantwortung übernehmen, die Bewertung der Partei nicht mehr in erster Linie von ihrer früheren Oppositionsrhetorik bestimmt, sondern von ihrer tatsächlichen Regierungsleistung. Eine erfolgreiche, skandal-freie Regierung könnte auch die landesweite Beurteilung der AfD grundsätzlich beeinflussen. Bence Bauer machte auch darauf aufmerksam, dass das Wahlergebnis für die CDU ebenfalls eine wichtige Lehre sei. Das Ergebnis von 17,2% bedeutet einen bedeutenden Rückgang, während es der AfD gelang, ihre Zustimmung zu verdoppeln. Aus diesem Grund könnte es für die CDU immer dringender werden, eine Antwort auf die Frage zu finden, wie sie die Wähler zurückgewinnen können, die sich in Richtung Mitte-Rechts bewegt haben, aber in der aktuellen Parteipolitik keine geeignete Repräsentation mehr finden. Diese Frage gewinnt nicht nur in Sachsen-Anhalt, sondern auch in der Bundespolitik zunehmend an Bedeutung.

Im Rahmen des Gesprächs wies Gergely Prőhle in diesem Zusammenhang darauf hin, dass sich die deutschen Wähler tatsächlich eher in Richtung Mitte-Rechts bewegen, während die Bundesregierungen weiterhin typischerweise eine Mitte-Links-Zusammensetzung aufweisen. Eine der Fragen in der Debatte lautete daher, wie lange die Diskrepanz zwischen den Präferenzen der Wähler und der politischen Ausrichtung der Regierung noch aufrechterhalten werden könne. Laut Dr. András Hettyey könnten die Wahlen besonders aus Sicht der CDU ernste Folgen haben. Das schwache Abschneiden der Partei könnte die CDU nicht nur auf Landesebene, sondern auch auf Bundesebene erschüttern und sich auch auf die Position von Friedrich Merz auswirken, dessen Zustimmungswerte laut Umfragen ohnehin auf einem historischen Tiefstand sind. Die Zukunft der sogenannten Brandmauer zwischen der CDU und der AfD ist ebenfalls zu einem zentralen Thema der Debatte geworden. Die Experten wiesen darauf hin, dass zwischen den beiden Parteien nicht nur personelle und politische, sondern auch inhaltliche und wertemäßige Unterschiede bestehen, die eine Zusammenarbeit erheblich erschweren. Gleichzeitig stellte sich die Frage, ob die Aufrechterhaltung der Brandmauer langfristig nicht gerade den Interessen der AfD dient, indem sie die Partei kontinuierlich als eine Kraft positioniert, die dem politischen System gegenübersteht.

Laut Ágoston Mráz könnte eine der Schlüsselfragen der kommenden Zeit sein, ob sich innerhalb der CDU ernsthafte Unzufriedenheit mit der Führung von Friedrich Merz herausbildet. In der Debatte wurde auch der Name von Thorsten Frei, dem Fraktionsvorsitzenden der Unionsparteien, als mögliche parteiinterne Alternative für die Nachfolge von Merz genannt. In diesem Zusammenhang erinnerte Bence Bauer daran, dass die Ergebnisse der Landtagswahlen in Ostdeutschland bereits in der Vergangenheit erhebliche Auswirkungen auf die Bundespolitik hatten. Vor zwei Jahren trugen ebenfalls Landtagswahlen in Ostdeutschland dazu bei, dass die politische Position von Olaf Scholz ins Wanken geriet. Das aktuelle Ergebnis könnte daher in ähnlicher Weise auch Auswirkungen auf die politischen Kräfteverhältnisse in Berlin haben.

Das Wahlergebnis hat auch im Hinblick auf die Regierungsbildung zahlreiche Fragen offen gelassen. Experten wiesen zudem darauf hin, dass die Wahl des Ministerpräsidenten in Deutschland in geheimer Abstimmung erfolgt, sodass sich aus den öffentlich vertretenen Standpunkten der Parteien nicht zwangsläufig das Ergebnis der Parlamentsabstimmung ergibt. Die Zeit nach der Wahl könnte daher aus politischer Sicht noch zahlreiche Überraschungen bereithalten.

Laut Ágoston Mráz reicht die Bedeutung der Wahl weit über die Grenzen des Landes hinaus: Das Ergebnis der AfD von über 40 % verändert schon für sich genommen die politischen Kräfteverhältnisse grundlegend. Da Sachsen-Anhalt ab Oktober 2026 den turnusmäßigen Vorsitz in der Ministerpräsidentenkonferenz übernimmt, könnte die politische Lage des Landes auch aus bundespolitischer Sicht von besonderem Interesse sein. Gergely Prőhle hingegen interpretierte die Wahl als ein kleineres, symbolisches politisches Erdbeben. Seiner Meinung nach herrscht im deutschen politischen System seit längerer Zeit eine Art „institutionalisierte Oberflächlichkeit“, weshalb die politischen Akteure nicht immer in der Lage sind, die tieferen Prozesse in der Gesellschaft angemessen zu erfassen. Das Ergebnis in Sachsen-Anhalt könnte hingegen darauf hindeuten, dass sich die Spannungen zwischen gesellschaftlichen Veränderungen und dem politischen System bei Wahlen immer deutlicher zeigen.

Am Ende des Wahlabends blieb somit weiterhin offen, wer Sachsen-Anhalt in welcher Koalition führen wird. Die sich in dem kleinen ostdeutschen Bundesland herausgebildeten Kräfteverhältnisse haben jedoch nicht nur Auswirkungen auf die lokale Regierungsbildung. Das herausragende Ergebnis der AfD, die Schwäche der CDU, die Rolle des BSW, die internen Auseinandersetzungen um die Führung unter Friedrich Merz sowie die Zukunft der Brandmauer zwischen CDU und AfD werfen allesamt Fragen auf, die die politische Entwicklung ganz Deutschlands betreffen.