Hermann Binkert legt offen, wie sein Umfrageinstitut INSA arbeitet.
Das 2009 gegründete Institut für Neue Soziale Antworten (INSA) konnte sich schnell als eines der besten Umfrageinstitute etablieren. Das Institut hat die Ergebnisse der Bundestagswahlen 2025 besser als andere vorhergesagt.
Der Institutsgründer Hermann Binkert hat nun selbst ein Buch veröffentlicht, in dem er nicht nur mit vielen Zahlen, Daten und Grafiken zeigt, wie und was die Deutschen denken, sondern auch Einblicke in die Arbeitsmethoden und Leitsätze seines Hauses gewährt. Bei den Umfragen wird großer Wert auf Repräsentativität gelegt, es werden mindestens 2000 Personen in einem Mix aus Onlineund Telefonbefragung interviewt. Dabei muss die Stichprobe der deutschen Wohnbevölkerung entsprechen und notfalls ausgeglichen werden – ein Prozess, der besonders arbeits- und kostenintensiv ist. Eine Besonderheit von INSA ist die Abfrage der Potenziale der politischen Parteien, in der die maximal mögliche Wählerklientel ermittelt wird.
Herzstück des Buches ist das Kapitel „Wie die Deutschen ticken“. Es stellt mit Grafiken das Stimmungsbild zu vielen Themen vor, die den Deutschen wichtig sind – etwa Migration, Frieden, soziale Sicherheit, Klimawandel oder Wirtschaft. Binkert differenziert dabei nach Parteipräferenz, denn je nach politischer Verortung sind die Fragen für die Deutschen unterschiedlich relevant.
In einem zweiten Teil geht es um den Prozess der Meinungsbildung und vor allem um die Frage, welche gesellschaftlichen Gruppen sie beeinflussen. Binkert analysiert dabei, dass Parteien, Medien, Interessenverbände, Kirchen und Wissenschaftler die Treiber eines wahrgenommenen Anpassungs- und Konformitätsdrucks sind. Der kritische Leser mag sich selbst die Frage stellen, inwieweit diese fünf „Branchen“, die Binkert herausarbeitet, tatsächlich eine breit angelegte Repräsentanz der Meinungen abzubilden imstande sind.
Im Schlussteil nimmt Binkert selbst Stellung. Er plädiert für einen souveränen Umgang mit Meinungen, die man selbst nicht unbedingt teilt. Und er verweist besorgt auf die zunehmende Tendenz, wonach immer mehr Bundesbürger nicht nur in den neuen Ländern davon ausgehen, dass Meinungsfreiheit in Deutschland nicht immer gewährleistet sei.
Binkert endet mit einem Bekenntnis zum demokratisch gelebten Meinungsstreit, der die verengten und von vielen Menschen beklagten Meinungskorridore erweitern könnte. Die politische Klasse hätte hierbei eine besondere Rolle und Vorbildfunktion inne.
Binkert plädiert dafür, dass in einem Wettstreit um die besten Konzepte immer auch alternative Lösungen auf den Tisch gehörten. Eine Alternativlosigkeit bestimmter Entscheidungen, wie sie nicht nur von Angela Merkel behauptet wurde, ist nie die beste Wahl.
„Wie Deutschland tickt“ ist ein glasklarer Befund der aktuellen deutschen Befindlichkeiten, und Binkert scheut sich nicht vor unangenehmen Wahrheiten. Allein, die vielen Zahlen und Daten im Mittelteil mögen schon wegen ihrer Masse zunächst eher ein wenig verwirren als aufklären. Aber sie sind zweifellos notwendig, um zu erkennen, dass der Demoskop Meinungen objektiv erforschen soll, sie aber keineswegs beeinflussen darf.