Das Deutsch-Ungarische Institut für Europäische Zusammenarbeit organisierte vom 2. bis 6. Februar 2026 eine Studienreise nach Berlin für zehn MCC-Studenten. Zu Beginn des Programms führte die Gruppe ein umfassendes Gespräch mit Dr. Péter Györkös, dem Botschafter Ungarns in der Bundesrepublik Deutschland, um sich auf das Fachprogramm vorzubereiten. Im Mittelpunkt des Treffens standen die aktuellen strukturellen Probleme Deutschlands sowie mögliche Lösungsansätze. Der Botschafter sprach ausführlich über die Herausforderungen für die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft, den Wandel der Industriestruktur und die Auswirkungen der hohen Energiepreise. Darüber hinaus wurden auch die demografischen Entwicklungen in Deutschland, der Arbeitskräftemangel und deren langfristige politisch-wirtschaftliche Folgen thematisiert. Anschließend nahmen die Schüler an einer Führung durch das Reichstagsgebäude teil, in dem der Deutsche Bundestag tagt. Während der Führung lernte die Gruppe die Geschichte des Baus, Umbaus und der Renovierung des Reichstags kennen, wobei auch historisch bedeutsame Ereignisse wie die Ausrufung der Weimarer Republik und der Reichstagsbrand zur Sprache kamen. Die Studenten sahen sich die Zeichnungen und Schriftzüge an, die sowjetische Soldaten am Ende des Zweiten Weltkriegs auf den ursprünglichen Mauern hinterlassen hatten, und erhielten einen Einblick in die Verhandlungsräume der Parteien und den Sitzungssaal des Parlaments.
Die Studenten begannen den zweiten Tag mit Dr. Sara Borella, Leiterin der Abteilung West- und Mitteleuropa der Deutschen Industrie- und Handelskammer, von der sie fundierte Kenntnisse über die Arbeitsweise der Kammer erhielten. Es wurde über die Schwierigkeiten gesprochen, die sich aus den oft gegensätzlichen Interessen zahlreicher Branchen ergeben, und darüber, dass die daraus abgeleiteten allgemeinen Vorschläge zur Ankurbelung der Wirtschaft wenig präzise sind. Die jungen Leute lernten außerdem die Unterschiede zwischen DIHK, IHK und AHK sowie deren jeweilige Zuständigkeiten kennen. Anschließend besuchten die Studenten das Berliner Abgeordnetenhaus, wo Tom Cywinski, Abgeordneter der CDU, die Gruppe durch das Gebäude führte. Während der Führung gab der Politiker einen umfassenden Überblick über die Geschichte Deutschlands und des Gebäudes, darunter auch über den Fall der Berliner Mauer, der durch riesige Gemälde im Parlament dargestellt wurde. Nach der Besichtigung des Gebäudes blieb noch Zeit für ein Gespräch mit dem Abgeordneten, in dem es um den möglichen Ausgang der bevorstehenden Landtagswahlen in Berlin sowie um die Freuden und Herausforderungen der Arbeit als Abgeordneter ging. Anschließend empfing Catalina Cullas, Botschafterin für die EU-Mitgliedstaaten sowie für grenzüberschreitende und regionale Zusammenarbeit, die Gruppe im Auswärtigen Amt. Im Laufe des Gesprächs betonte Cullas unter anderem, dass Deutschland auch in seiner Außenpolitik auf die sich wandelnden geopolitischen und föderalen Verhältnisse reagiere und stellte die Zukunftsvision der deutschen Außenpolitik und der EU sowie die Herausforderungen der EU-Öffnung gegenüber dem Westbalkan vor. Cullas betonte, dass es für Deutschland wichtig sei, seine Wettbewerbsfähigkeit zu steigern und seine Wirtschaft und Sicherheit zu stärken. Auf eine Frage aus der Gruppe antwortete sie, dass die deutsche Regierung den Aufbau eines stärkeren EU-Sicherheits- und Verteidigungsbündnisses innerhalb der NATO sowie eine möglichst rasche Unabhängigkeit von China unterstütze. Der nächste Programmpunkt führte zur Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, einem wirtschaftlichen Thinktank und Kampagnenorganisation. Thorsten Alsleben, Geschäftsführer der INSM, und Carl-Victor Wachs, Kommunikationsleiter des Instituts, analysierten für die Gruppe die aktuellen Herausforderungen der deutschen Wirtschaftspolitik und gingen dabei insbesondere auf die Rolle der CDU und den Mangel an Reformen in der Ära Merkel ein. Sie betonten, dass es derzeit – trotz einiger vielversprechender Initiativen – grundsätzlich an einer klaren Zukunftsvision mangele, insbesondere im Hinblick auf die Nachhaltigkeit des Rentensystems und den Arbeitsmarkt. Letzteres könnte durch eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit, gezielte Migration und einen späteren Renteneintritt gelöst werden. Als kritische Punkte wurden die Abschaffung der Atomenergie und die Verzerrungen in der grünen Energiepolitik genannt, während gleichzeitig die Notwendigkeit der Erschließung von LNG und anderen alternativen Energiequellen betont wurde. Die Wahrung der Wettbewerbsfähigkeit wurde mit der wirtschaftlichen Unabhängigkeit von den Großmächten, einer stärkeren China-Kompetenz und der Zurückhaltung des Wohlfahrtsstaates in Verbindung gebracht, wobei betont wurde, dass die Ausgaben immer auf den erzielten Einnahmen basieren sollten und nicht auf der Aufnahme von Krediten.
Am dritten Tag besuchte die Gruppe die Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP), wo sie ein Fachgespräch mit der Außenpolitikexpertin Christiana Markert führte. Im Mittelpunkt des Treffens stand die Vorstellung der neuen deutschen Außen- und Sicherheitspolitik, deren Hauptpfeiler darin besteht, dass die derzeitige Regierung eine interessenbasierte statt einer wertebasierten Außenpolitik verfolgt. Anschließend stellte Steffen Bilger, der erste parlamentarische Geschäftsführer der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, den Studenten die aktuelle Politik der Kanzlerpartei vor. Unter anderem wurden Themen wie Migration, Digitalisierung und Herausforderungen innerhalb der Koalition angesprochen, beispielsweise die Politisierung der Wahl der Verfassungsrichter im Juni letzten Jahres. Er betonte, dass der Fokus der Unionsparteien derzeit auf der Wirtschaft und ihrer Stärkung und Belebung liege. In Bezug auf die Digitalisierung erklärte er, dass Deutschland beispielsweise im Bereich der KI den Aufbau eines eigenen Systems anstrebe, mit dem Ziel, wie in vielen anderen Bereichen auch, eine stärkere Unabhängigkeit zu erreichen.
Am Nachmittag trafen die Studenten Mirco Weiß, Kommunikationsleiter der katholischen Wochenzeitung Die Tagespost, mit dem sie über die Geschichte, Ausrichtung, Perspektiven und Wachstumspotenziale der Zeitung sprachen. Der Experte stellte der Gruppe außerdem die Journalistenausbildung bei der Tagespost sowie die Herausforderungen für das konservative Medienspektrum in diesem Bereich vor. Anschließend besuchten die Studenten die SPD-nahe Parteistiftung Friedrich-Ebert-Stiftung (FES), wo Stefan Pantekoek, Referent für die Visegrád-Länder, das System der Parteistiftungen, ihre Finanzierung, die Geschichte, Struktur und Projekte der FES sowie seine eigene Arbeit vorstellte. Es wurde auch über die Beziehungen zwischen den verschiedenen Parteistiftungen und die Zukunft der Sozialdemokratie im heutigen Deutschland gesprochen. Der letzte Programmpunkt des dritten Tages war der Besuch der deutschen Redaktion der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ). Die NZZ ist eine der ältesten und bedeutendsten deutschsprachigen Tageszeitungen der Schweiz, sie erschien erstmals 1780 und hat seit 2017 eine eigene Redaktion in Deutschland. Die Gruppe wurde von Florian Eder, Chefredakteur, und Oliver Maksan, stellvertretender Chefredakteur, empfangen, die ihnen die Position ihrer Zeitung im deutschen Medienraum vorstellten. Im Laufe des Gesprächs wurden auch Themen wie die Rolle und Zukunft der künstlichen Intelligenz im Journalismus sowie die Unterschiede zwischen Deutschland, Ungarn und der Schweiz angesprochen. Außerdem kam die Arbeit der aktuellen deutschen Regierung und ihre Zukunftsaussichten zur Sprache.
Den vierten und letzten Fachtag begannen die Studenten in der Redaktion der Berliner Zeitung. Zunächst nahmen sie an der morgendlichen Redaktionskonferenz teil, bei der die Ressortleiter die wichtigsten Themen des Tages besprachen. Im Rahmen der Besprechung wurden zunächst lokale Themen wie die Hindernisse im öffentlichen Nahverkehr in Berlin sowie das Salzstreuverbot diskutiert. Anschließend wurden auch wirtschaftliche, politische, außenpolitische und kulturelle Nachrichten angesprochen. Die Zeitung hat eine besondere Weltanschauung, die der stellvertretende Chefredakteur den Studenten im Anschluss an die Konferenz in einem Gespräch erläuterte. Er erklärte, dass es nicht ihr Ziel sei, Nachrichten mit einer Meinung zu versehen, sondern dass sie sich stattdessen bemühten, sich ausschließlich auf die Fakten zu konzentrieren und offen für andere Sichtweisen zu sein. Er betonte, dass sie aufgrund der Geschichte des Verlags und der Zeitung der ostdeutschen Region besondere Aufmerksamkeit widmen und deshalb Anfang Februar eine neue Regionalzeitung, die Ostdeutsche Allgemeine, gegründet haben. Anschließend besuchte die Gruppe einen weiteren Medienakteur, die Chefredaktion der aufstrebenden NIUS, wo es zu einem spannenden Gedankenaustausch mit Ralf Schuler, dem politischen Ressortleiter von NIUS, kam. Dabei wurden verschiedene Themen angesprochen, angefangen bei den Herausforderungen und dem Wandel des Journalismus bis hin zur Diskussion aktueller politischer Trends in Deutschland. Als letzter Programmpunkt der Studienreise empfing Julius Övermeyer die Gruppe, der Leiter der Abteilung für europäische Gewerkschaftspolitik, Mittel- und Westeuropa sowie interregionale Gewerkschaftsräte des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) ist. In seinem Vortrag stellte er die Organisationsstruktur und die interne Arbeitsweise des DGB vor, dessen Geschichte 1949 begann und der bis heute enge Beziehungen zur Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) unterhält. Die Fragen der Studenten bezogen sich auf das Streikrecht und die in dieser Woche erlebten Arbeitsniederlegungen im öffentlichen Nahverkehr, die von der DGB-Mitgliedsgewerkschaft ver.di organisiert worden waren. Övermeyer hob die Bedeutung der Mitgliederzahl der Gewerkschaften und damit der Streikteilnehmer sowie die Forderung nach angemessenen Arbeitsbedingungen und Lohnerhöhungen hervor, deren Erfolg sich in den kommenden Monaten zeigen werde.
Das intensive Programm endete mit einem Besuch im deutschen Spionagemuseum, wo die Studenten auf interaktive Weise die Geschichte der Spionage – insbesondere während der Zeit des Kalten Krieges in Berlin – kennenlernen konnten.