Über die Vergangenheit und Gegenwart der deutsch-ungarischen Beziehungen sowie über die gegenseitigen Wahrnehmungen beider Länder sprach Bence Bauer, Direktor des Deutsch-Ungarisches Institut für Europäische Zusammenarbeit, am 21. Mai 2026 im MCC-Bildungszentrum in Zalaegerszeg. Im Mittelpunkt des Abends stand die Frage, wie sich das idealisierte Deutschlandbild in Ungarn in den vergangenen Jahrzehnten verändert hat und wie Ungarn heute in den deutschen Medien und im öffentlichen Diskurs wahrgenommen wird.

 

Lange Zeit galt Deutschland in Ungarn als Sinnbild für Stabilität, wirtschaftliche Stärke, Disziplin und Wohlstand. Die deutsche Industrie, der technologische Fortschritt und die Arbeitsmöglichkeiten stellten für viele Ungarn bis heute ein erstrebenswertes Vorbild dar. Bence Bauer betonte jedoch, dass das frühere Bild Deutschlands als „Musterland“ in den vergangenen Jahren deutlich an Glanz verloren habe. Heute stagnierten zahlreiche Bereiche der deutschen Wirtschaft, während Energiepreise, Lebenshaltungskosten und Wohnkosten erheblich gestiegen seien. Darüber hinaus sei die deutsche Gesellschaft gegenwärtig stark gespalten: Besonders kontrovers würden Fragen der Migration und des Sozialleistungssystems diskutiert. Nach Ansicht Bauers würden eine Verschlechterung der öffentlichen Sicherheit, gesellschaftliche Spannungen und eine Identitätskrise das einst idealisierte Deutschlandbild zusätzlich relativieren.

Der Referent hob hervor, dass Ungarn in den deutschen Medien häufig wegen seiner Haltung zur Migration, seines arbeitsbasierten Gesellschaftsmodells oder seiner Positionen in Genderfragen kritisiert werde. Gleichzeitig würden jedoch immer mehr Deutsche gerade in Ungarn jene Sicherheit, Ruhe und Berechenbarkeit finden, die sie in ihrer eigenen Heimat vermissten. In diesem Zusammenhang wurde erwähnt, dass sich in den vergangenen Jahren Zehntausende Deutsche in ländlichen Regionen Ungarns niedergelassen hätten, wo sie Gemeinschaft und Stabilität suchten. Zu den deutsch-ungarischen Beziehungen erklärte Bauer, dass diese zugleich tief verwurzelt und komplex seien. Historische Erfahrungen, mediale Darstellungen und politische Debatten prägten gleichermaßen das gegenseitige Bild der beiden Nationen. Für eine zukünftige erfolgreiche Zusammenarbeit sei es daher unerlässlich, vereinfachende Mythen abzubauen und den Dialog stärker auf persönlichen Erfahrungen und realer gesellschaftlicher Entwicklung zu gründen.