Der frühere "Welt"- und "Presse"-Korrespondent Boris Kálnoky verteidigt die Medienpolitik von Viktor Orbán und kritisiert die städtisch-liberale Prägung vieler Redaktionen

 

Am 12. April wählen die Ungarinnen und Ungarn ein neues Parlament. Die regierende Fidesz-Partei bangt um ihre Macht, obwohl es nur wenige unabhängige Medien gibt. Regierungskritische Medien seien aber gerade online und auf Social-Media umso präsenter, sagt Boris Kálnoky, der heute am Orbán-nahen Mathias Corvinius Collegium (MCC) in Budapest Journalismus unterrichtet. Von seinen Kritikerinnen und Kritikern wird das MCC als regierungsfreundliche Kaderschmiede bezeichnet.

Frage: Herr Kálnoky, wie lebt es sich als Journalist in einem Land, in dem es kaum unabhängige Medien gibt?

Kálnoky: Wie können Sie behaupten, dass es hier keine unabhängigen Medien mehr gibt? Im Internet dominieren regierungskritische Medien und das ist der Bereich, der den größten Einfluss auf den gesellschaftlichen Diskurs hat. Wenn Sie Ungarisch könnten, würden Sie das sehr schnell selbst sehen. Der öffentliche Diskurs ist deutlich rauer als in Deutschland oder Österreich, das veröffentlichte Meinungsspektrum viel breiter.

Frage: Sie bestreiten, dass es deutlich weniger unabhängige Medien gibt, seitdem Viktor Orbán an der Macht ist?

Kálnoky: Ja, es gibt heute mehr regierungskritische Medien als 2010, als Fidesz an die Macht kam. Einige verschwanden oder wurden aufgekauft, aber viele neue wurden gegründet. Sie verdienen insgesamt auch mehr Geld als früher, dazu gibt es Marktstudien. Radio und Provinzzeitungen sind tendenziell regierungsfreundlich, das Internet eher regierungskritisch, insbesondere seit Youtube-Kanäle einen immer größeren Teil des Medienmarktes ausmachen. Im Fernsehen überwiegt der deutsche eher regierungskritische Sender RTL. Auch der Impakt der regierungskritischen Medien auf den öffentlichen Diskurs in den Social Media ist messbar größer als der der regierungsnahen Medien.

Frage: Das würden sehr viele Journalisten in Ungarn ganz anders sehen.

Kálnoky: Die Regierung hat indirekt in den Medienmarkt eingegriffen, um ein "even playing field" zu schaffen, also ein mediales Gleichgewicht, das auch die Zusammensetzung der Gesellschaft besser spiegelt. Früher waren die Medien zu 85 Prozent linksliberal, heute ist das Verhältnis eher 50-50. Im Westen ist es ja ein Tabu, in den Medienmarkt einzugreifen, aber demokratietheoretisch kann man schon fragen: Was ist, wenn der Ausgleichsmechanismus nicht funktioniert und ein großer Teil der Gesellschaft in den Medien überhaupt nicht vertreten ist?

Frage: Sie sind Anfang der 1990er Jahre von Deutschland nach Ungarn gezogen, obwohl Sie einen gut bezahlten Job bei der "Welt" hatten. Warum?

Kálnoky: Journalismus ist ein Beruf, keine Identität. Meine Identität ist ungarisch. Deswegen habe ich 1993 bei der "Welt" als Redakteur aufgehört und bin zunächst als Freelancer und Korrespondent nach Budapest gekommen. Ich wollte, dass meine Kinder Ungarisch sprechen. Ich hatte kein Geld und keinen Job, aber ich wollte zur Welt der Ungarn gehören.

Frage: War ihnen die "Welt" vielleicht zu wenig rechts?

Kálnoky: Es gab zu manchen Themen manchmal unterschiedliche Blickwinkel, aber das wurde dann besprochen und wir kamen immer auf einen gemeinsamen Nenner. Es ging dabei nie um links oder rechts, ich kann mit diesen Begriffen sowieso wenig anfangen. Ich habe die Redaktionsleitung stets in hoher Wertschätzung gehalten. Ich glaube, dass man Orbán nuancierter sah, als das zuweilen in der Berichterstattung vermittelt wurde. Aber in den Medien in Österreich und Deutschland setzt man sich ja Angriffen aus, wenn man aus dem Reigen austritt. Wenn man etwa schreibt, dass Orbán nicht antisemitisch, nicht rassistisch und kein Autokrat ist, besteht die Gefahr, selbst in diese Ecke gestellt zu werden. Das will man nicht.

Frage: Orbán setzt auf eine illiberale Demokratie. Was bedeutet das für Sie?

Kálnoky: Früher sprachen wir einfach von Demokratie, heute immer von "liberaler Demokratie", inzwischen gar von "unserer Demokratie". Das schwächt den Begriff ab. Demokratie bedeutet, dass das Volk souverän ist. Orbán meint mit "illiberaler Demokratie", dass man nicht zwingend liberal gesinnt sein muss, um Demokrat zu sein. Eine Demokratie kann auch auf konservativen Werten aufgebaut sein.

Frage: Ungarn ist also für Sie eine feste Demokratie, in der absolute Meinungsfreiheit herrscht?

Kálnoky: Meinungsfreiheit ist nie absolut, auch im Westen nicht, sie hat immer Grenzen. Ja, wir leben in einer Demokratie. Orbán kann abgewählt werden, wenn sich eine relative Mehrheit dafür findet. Es herrscht Meinungs- und Pressefreiheit. Niemand muss Angst haben, etwas auf Twitter zu posten. Da kommt nicht die Staatsanwaltschaft, wie in Deutschland, wenn man Politiker beleidigt. Ich würde sogar behaupten: Ungarn hat mehr Meinungsfreiheit als Deutschland.

Frage: Die Pride in Budapest ist behördlich verboten worden. Nennen Sie das Meinungsfreiheit?

Kálnoky: Das ist alles ein bisschen komplexer. Es geht um die öffentliche Darstellung von Sexualität, potenziell im Beisein von Kindern, ohne Zustimmung der Eltern. Das ist verboten. NGOs und sonstige Organisationen sollen nicht mehr an Schulen gehen können, um dort ohne Zustimmung der Eltern sogenannte Sensibilisierungsprogramme über Homosexualität, Bisexualität und überhaupt Sexualität zu betreiben. 2025 wurde dann ein Gesetz erlassen, das die öffentliche Darstellung von Sexualität im Rahmen öffentlicher Veranstaltungen verbietet, wo Kinder anwesend sein könnten.

Frage: Also hat die Regierung nichts gegen die Pride?

Kálnoky: Die Regierung ist konservativ, sie findet die Pride nicht sonderlich geschmackvoll. Wie Sie wissen, hat aber die Pride stattgefunden und wurde auch nicht von der Polizei aufgelöst.

Frage: Sie scheinen frustriert zu sein über das westliche System und über die westlichen Medien.

Kálnoky: Ich würde es nicht "System" nennen, schon deswegen nicht, weil im Politologie-Studium ein Professor uns sagte: Wenn du nicht weißt, wovon du redest, nenne es ein "System". Zu den Medien: Früher basierte das Geschäftsmodell der Zeitungen auf Objektivität. Dadurch kamen Abonnements und Werbung. Durch die digitale Wende wanderte der Werbemarkt zu Google und Facebook ab. Heute ist die Grundlage des Geschäftsmodells "Engagement". Man verdient Geld, wenn Leute reagieren, und das erreicht man durch provokante, meinungszentrierte, zuweilen spaltende Berichterstattung.

Frage: Gilt das auch für die "Welt" oder die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" ("FAZ")?

Kálnoky: Die "FAZ" hält sich zurück, aber die "Welt" ist digital sehr erfolgreich. Es gibt einen Markt für Abo-finanzierten Qualitätsjournalismus, aber man braucht auch die Reichweite. Irgendwann in den späten 2000er Jahren wurden wir Journalisten aufgefordert, unsere Artikel selbst in sozialen Medien zu vermarkten. Dafür braucht man Follower, und um Follower zu gewinnen, wird oft zugespitzt. Dadurch sehen die Leser: Das ist ja ein Typ wie ich, das ist gar kein allwissender Halbgott, der ist parteiisch. Dadurch litt unsere Glaubwürdigkeit. Zudem sind die meisten Journalisten städtisch und liberal geprägt, während es die Gesellschaft oft nicht ist, jedenfalls nicht in demselben Maße. Auch das trägt zur Glaubwürdigkeitskrise bei.

Frage: Vermissen Sie Journalisten, die ähnlich ticken wie Sie?

Kálnoky: Der Trend geht heute mehr in Richtung Bewegtbild und Influencer, die davon leben, Charaktere zu sein. Aber den journalistischen Lebensstil, hinauszugehen und die Welt zu entdecken, gibt es seltener, weil das Geld für solche Karrieren nicht mehr da ist. Das ist schade.

Frage: Zur Wahl: Worüber wird am 12. April in Ungarn entschieden?

Kálnoky: Die Wahl entscheidet darüber, ob Ungarn ein Land wie jedes andere EU-Land wird, das sich der EU in jeder Frage ohne Widerspruch fügt, oder ob die Regierung Orbán sich bei einem Erfolg noch einmal neu erfinden kann, um auch in Zukunft die Freiheit und den Bewegungsspielraum Ungarns zu wahren.

Frage: Die Opposition kritisiert vor allem die Korruption in Ungarn. Ansonsten scheint uns die Opposition auch rechts im Politspektrum angesiedelt. Wie sehen Sie das?

Kálnoky: Alles, was die Opposition sagt, nehme ich nach den Erfahrungen der Deutschlandwahl mit einer Prise Salz. Friedrich Merz hat viel versprochen und nichts eingehalten. Die Strategie von Fidesz war es bisher, nicht nur zu versprechen, sondern eine Politik zu verfolgen, die man schon vor der jeweiligen Wahl im Geldbeutel spürt: Die 13. und 14. Monatsrente, Baukredite für junge Leute, Steuerbefreiung für unter 25-Jährige und für Mütter mit mindestens zwei Kindern. Hohes Wirtschaftswachstum (bis 2020) und verbesserte Steuereintreibung schufen den finanziellen Spielraum für solche Leitungen.

Frage: Sie arbeiten für das Mathias-Corvinus-Collegium, das eine superkonservative Agenda verfolgt und vom Staat mit viel Geld unterstützt wird.

Kálnoky: Ich weiß nicht, was superkonservativ heißen soll. Das MCC wurde 1996 – damals war Fidesz in der Opposition – als Bildungseinrichtung mit christdemokratischer Ausrichtung gegründet. Das hat sich bis heute nicht geändert. Wir sind eine öffentliche Stiftung. Das bedeutet, wir stehen im Dienste der Gesellschaft. Zumindest so verstehe ich meine eigene Arbeit hier. Das Parlament hat uns jeweils zehn Prozent der Aktien der staatlichen Unternehmen Mol und Richter übertragen, aus dessen Ertrag finanzieren wir uns. Die Verwendung der Gelder wird genauso kontrolliert, als wären es direkte Staatsausgaben. Wir sind auch ein Netzwerk. MCC will für das bürgerlich-konservative Lager das erreichen, was Linke und Liberale schon lange tun: internationale Verbindungen aufbauen.

Frage: Zählen Sie zu diesem Netzwerk auch die deutsche AfD?

Kálnoky: Ich persönlich habe keinen Kontakt zur AfD, aber wir haben Politiker von ihnen empfangen. Sie sind Teil der konservativen Welt. Es ist vor allem die größte Oppositionspartei in Deutschland, damit muss man sich auseinandersetzen und auch mit ihr sprechen.

Frage: Dort sind Politiker mit extremen politischen Einstellungen tätig.

Kálnoky: Kann sein, ich weiß es aus eigener Erfahrung nicht. Mit welchen AfD-Politikern haben Sie sich unterhalten, um zu diesem Urteil zu gelangen?

Frage: Zu Ihnen persönlich: Welche Geschichte wollen Sie als Journalist noch schreiben?

Kálnoky: Freude hat mir die Arbeit an meinem Buch "Ahnenland" bereitet, der Geschichte meiner Familie, die ursprünglich aus Siebenbürgen stammt. Ich würde gerne noch die Geschichte der mütterlichen Linie aufschreiben – eine schlesische Familie von Bauern und Handwerkern. (Elisabeth Bauer, Simon Kravagna, 5.4.2026)