Die ungarische Regierung bereitet einen historischen Schritt im Betrieb des Kernkraftwerks Paks vor: Aufgrund des rekordniedrigen Wasserstands der Donau könnte die Stromerzeugung in der Anlage vollständig eingestellt werden. Seit der Inbetriebnahme des Kernkraftwerks im Jahr 1982 musste die Produktion noch nie vollständig eingestellt werden, doch nach Angaben der Fachleute ist man auf die außergewöhnliche Situation vorbereitet. In einer Mitteilung erklärte die Betreibergesellschaft Paksi Atomerőmű Zrt., dass die derzeit extrem niedrigen Wasserstände und Abflussmengen grundsätzlich noch ausreichend Kühlwasser für die Reaktorblöcke bereitstellen würden. Das eigentliche Problem bestehe jedoch darin, dass sich die Ansaugstutzen der für die Wasserentnahme erforderlichen Pumpen höher befinden als der aktuelle – und voraussichtlich weiter sinkende – Wasserstand. Dadurch könnten die Pumpen ihre Funktion nicht mehr erfüllen. Die technische Anpassung der Ansaugleitungen, um sie tiefer zu verlegen, habe bereits begonnen. Nach Abschluss der Arbeiten werde das Kraftwerk auch bei einem noch niedrigeren Wasserstand als heute weiter betrieben werden können. Im Kernkraftwerk Paks sind vier Reaktorblöcke mit einer Leistung von jeweils rund 500 Megawatt in Betrieb. Ursprünglich waren sie für 440 Megawatt ausgelegt, durch Modernisierungsmaßnahmen konnte ihre Leistung jedoch erhöht werden. Das Kraftwerk erzeugt jährlich etwa 40 Prozent der in Ungarn produzierten Elektrizität und deckt rund 30 Prozent des nationalen Stromverbrauchs.
Ministerpräsident Péter Magyar erklärte, dass das Kernkraftwerk wegen des kritischen Rückgangs des Donaupegels möglicherweise vollständig abgeschaltet werden müsse. Nach Einschätzung von Experten sei die Stromversorgung derzeit zwar noch nicht gefährdet, dennoch habe die Regierung bereits Maßnahmen wie die Abschaltung der Fassaden- und Monumentbeleuchtung sowie Homeoffice-Regelungen für Teile der öffentlichen Verwaltung angeordnet. Die Regierung rechnet mit steigenden Stromimporten und ruft die Bevölkerung zum Energiesparen auf. In mehreren Gemeinden musste die Trinkwasserversorgung bereits eingeschränkt werden, mancherorts wurde zudem die Unterstützung der Streitkräfte angefordert. Großverbrauchern aus der Industrie drohte der Ministerpräsident. Falls erforderlich, werde die Regierung die freiwillige Reduzierung der Produktion mit gesetzlichen Mitteln erzwingen. Wörtlich sagte er: „Ich möchte den Unternehmen signalisieren, dass alle besser fahren, wenn sie ihren Verbrauch freiwillig senken. Die Regierung wird in Kürze über die gesetzliche Grundlage verfügen, um notfalls einzelne Betriebe geordnet vom Netz zu nehmen.“ Die hierfür notwendige Regierungsverordnung sei bereits in Kraft getreten und werde bei Bedarf angewendet, betonte Magyar. Zugleich erinnerte er daran, dass es in Ungarn bislang noch nie zu einem flächendeckenden Stromausfall gekommen sei. Die wirtschaftlichen Schäden, die Stromausfälle zuletzt in Spanien und auf dem Balkan verursacht hätten, zeigten jedoch, welche Folgen ein solcher Fall haben könne. Stromausfälle in Ungarn könnten daher nicht ausgeschlossen werden. Nach den Worten des Ministerpräsidenten müsse Ungarn künftig eine von Russland unabhängige Energieversorgung sicherstellen. Deshalb habe sich die Regierung für Investitionen in erneuerbare Energien entschieden. Er verwies darauf, dass bereits ein Programm zum Ausbau der Windenergie beschlossen worden sei, das eine zusätzliche Windkraftkapazität von 4.000 Megawatt vorsieht. Die für die Kühlung benötigten neuen Sicherheitspumpen würden allerdings nach derzeitiger Planung frühestens nach 2030 zur Verfügung stehen; ihre Beschaffung befinde sich noch in der Planungsphase.
László Nagy, technischer stellvertretender Vorstandsvorsitzender des Kraftwerks, erklärte auf einer Pressekonferenz, dass das Kernkraftwerk Paks in Sicherheitsfragen zur Weltspitze gehöre. Die Abschaltung des letzten noch laufenden Reaktorblocks werde voraussichtlich Mitte der ersten Augustwoche erforderlich. Man werde jedoch versuchen, diesen Zeitpunkt so lange wie möglich hinauszuzögern. Péter Magyar sagte am 2. August zudem: „Heute Nacht um halb zwei wurde bereits die vorletzte Turbine des Kernkraftwerks Paks abgeschaltet; statt 2.000 Megawatt erzeugt das Kraftwerk nun nur noch 240 Megawatt. Voraussichtlich wird in Kürze – je nach Wasserstand der Donau – entweder noch heute oder im Laufe des morgigen Tages auch die letzte Turbine abgeschaltet.” Da der Wasserstand der Donau bei Paks derzeit bei minus 133 Zentimetern liege und der letzte noch in Betrieb befindliche Block bei einem Pegel von minus 134 Zentimetern ebenfalls abgeschaltet werden müsse, werde das Kernkraftwerk voraussichtlich noch am selben Tag – erstmals seit 44 Jahren – vollständig vom Netz gehen. Am folgenden Tag erklärte der Ministerpräsident jedoch auf einer Pressekonferenz, dass die letzte Turbine vorerst weiterhin in Betrieb sei. Am Morgen des 4. August postete Péter Magyar auf seiner Facebook-Seite: „Gegen halb zwei Uhr morgens standen wir nur noch wenige Millimeter vor der vollständigen Abschaltung des Kraftwerks Paks, doch dann kam der Rückgang des Wasserstands zum Stillstand, und bis zum Morgen stieg er um 1,5 Zentimeter an. Derzeit läuft die letzte Turbine sicher. Auf nach Paks!”