Am 21. Juli 2026 führte die ungarische Staatsanwaltschaft ohne Vorankündigung eine Durchsuchung in einem Rechenzentrum durch, in dem die IT-Infrastruktur der Fidesz betrieben wird. Nach Angaben der Partei wurden dabei das Mitgliederverzeichnis, Datenbanken sowie das gesamte interne Kommunikationssystem beschlagnahmt oder zur Auswertung kopiert. Betroffen sind unter anderem das interne E-Mail-System und weitere Datenbanken. Die E-Mail-Adressen der Partei sowie die Website fidesz.hu sind weiterhin nicht erreichbar. Die Fidesz bezeichnete die Maßnahme als beispiellos und erklärte, seit dem Ende des Kommunismus habe es keinen vergleichbaren Eingriff gegen eine politische Partei gegeben. Die Durchsuchung fand in Anwesenheit der Rechtsvertreter der Partei statt.
Medienberichten zufolge stehen die Ermittlungen im Zusammenhang mit dem Strafverfahren gegen den Nationalen Kulturfonds (NKA). Hintergrund sind Vorwürfe, wonach mit der Fidesz verbundene Personen und Organisationen unrechtmäßig hohe staatliche Fördermittel erhalten haben sollen. Bereits Ende Juni waren der frühere stellvertretende NKA-Präsident Balázs Bús sowie weitere Führungskräfte festgenommen worden. Die Ermittler vermuten, dass das zuständige Entscheidungsgremium der NKA seit Dezember 2024 bei der Vergabe von insgesamt 1.079 Förderungen im Gesamtwert von rund 17 Milliarden Forint gegen gesetzliche und interne Vorschriften verstoßen hat. Ob und in welchem Umfang die Durchsuchung des Fidesz-IT-Systems mit diesen Vorwürfen zusammenhängt, wurde von der Staatsanwaltschaft bislang nicht offiziell bestätigt.
Ungarns Generalstaatsanwalt Nagy Gábor Bálint hat seinen Rücktritt zum 25. August 2026 eingereicht. Als Grund nannte er die zunehmenden politischen Angriffe gegen seine Person und die von ihm geleitete Staatsanwaltschaft. In einer Erklärung betonte Nagy, die Unabhängigkeit der Justiz und der Staatsanwaltschaft sei eine tragende Säule des demokratischen Rechtsstaats. Es sei ein gefährliches Signal, wenn politische Akteure die Absetzung eines amtierenden Generalstaatsanwalts verlangten, weil laufende Strafverfahren nicht den von ihnen gewünschten Verlauf nähmen. „Dies führt dazu, dass jeder Generalstaatsanwalt künftig befürchten muss, seines Amtes enthoben zu werden, wenn seine Tätigkeit nicht den Erwartungen politischer Akteure entspricht“, schrieb Nagy Gábor Bálint. Die Staatsanwaltschaft dürfe weder zum Instrument politischer Auseinandersetzungen noch zum Schauplatz tagespolitischer Machtkämpfe werden. Nagy Gábor Bálint erklärte, die gegen ihn gerichteten Angriffe seien in den vergangenen Monaten weit über eine legitime fachliche oder politische Auseinandersetzung hinausgegangen. Dabei habe er sein Amt seit seinem Amtsantritt vor gut einem Jahr ausschließlich auf Grundlage der geltenden Gesetze und nach fachlichen Kriterien ausgeübt. Weder er noch seine Familienangehörigen hätten jemals Verbindungen zu politischen Parteien unterhalten. Zugleich kritisierte der Generalstaatsanwalt, dass sich neben Politikern inzwischen auch Verfahrensbeteiligte und deren Rechtsanwälte strafrechtliche Verfahren zunutze machten, um politisch motivierte Angriffe gegen die Justiz und insbesondere gegen die Staatsanwaltschaft zu führen. Diese Entwicklung schade nicht nur seiner Person und seinem Amt, sondern untergrabe auch die Unabhängigkeit und das Ansehen der Staatsanwaltschaft sowie das Vertrauen der Bevölkerung in die Arbeit ihrer mehr als 4.000 Beschäftigten.