In einer Welt schnellen globalen Wandels tut es not, eine junge Generation auszubilden, die fähig und willens ist, ihren globalen Platz verständig und sinnhaft einzunehmen und auszufüllen. Hierzu ist es mindestens ebenso wichtig, eine solide Grundlage zu definieren, anhand derer diese jungen Menschen ausgebildet werden sollen. Im Zeitalter der Globalisierung wird die kulturelle und moralische Verfasstheit der nationalen Eliten zu einem entscheidenden Element der Wettbewerbsfähigkeit, welche ebenso wichtig ist wie die wirtschaftliche und technische Wettbewerbsfähigkeit. Nicht nur lexikalische Kenntnisse, sondern auch Anwendungsfertigkeiten, Wissen um Verfahren und Mechanismen wie auch ein persönliches, individuelles Mentoring sind von hoher Relevanz. Im Folgenden sollen als Diskussionsanreiz einige Gedanken darüber vorgelegt werden, wie diese Fragen in Ungarn gesehen werden.
Die geistigen Grundlagen
Um ein selbstbestimmtes, freies und wertegeleitetes Leben gemäß den eigenen Wünschen und Zielen zu führen, ist es allem voran wichtig, sich seiner geistig-kulturellen Wurzeln zu selbstvergewissern und zu definieren, woher wir kommen und was wir anstreben. In Ungarn ist die Bewahrung der kulturellen Struktur des Abendlandes ein zentraler Definitionspunkt jeglicher Aspirationen im Kultur- und Bildungsbereich. Es geht um die Grundlagen Europas, seiner geistigen Wurzeln und seiner Ideengeschichte. Wenn wir in Ungarn von europäischer Identität sprechen, dann meinen wir eine auf historisch tradierten nationalen Identitäten basierende gemeinsame europäische Herkunftsgeschichte. Sie fußt auf den jüdisch-christlichen Werten und den griechisch-römischen Traditionen unseres Kontinents und ist eine ideelle Bezugsgröße in der Ausbildung der jungen Generation. Ohne diesen Bezugs- und Orientierungspunkt verlieren wir unseren geistig-moralisch-seelischen Kompass, der aber zur Ermöglichung unserer Persönlichkeit, unserer Individualität und unseres Entscheidungshorizonts unabdingbar wichtig ist.
Bildung als soziales Aufstiegsversprechen
Im heutigen, an natürlichen Rohstoffen armen Europa ist es mittlerweile ein Gemeingut geworden, die Bildung als einen intellektuellen Rohstoff zu bezeichnen. Wir können es uns in Europa nicht leisten, Begabungen nicht zu erkennen oder gar zu verlieren. Die Bildungsschere zwischen bildungsnahen und bildungsfernen Haushalten geht aber bereits im Teenageralter deutlich auseinander; hier muss durch gezielte Förderung auch von talentierten, doch in bildungs- oder finanzschwachen Haushalten lebenden jungen Leuten gegengesteuert werden. Daher sind ihnen durch kostenfreie Bildungsmöglichkeiten Chancen und Möglichkeiten zu eröffnen, die sie sonst nicht hätten – sei es durch zusätzliche Angebote, verstärkte Förderung oder individuelle Betreuung. Kurzum: Nicht Geld und Herkunft sollen eine Rolle spielen, sondern Begabung, Fähigkeit, Ausdauer und Leistung. Bildung ist und bleibt immer noch das beste und sicherste soziale Aufstiegsversprechen.
Bildung auch in Randgebieten
In Ungarn existieren immer noch viele strukturschwache Randgebiete, die von Fortschritt und Entwicklung der letzten Jahre abgekoppelt sind oder aber durch die allgemeinen Finanz- und Strukturprobleme der letzten Jahrzehnte ins Hintertreffen geraten sind. Sie sind verstärkt von Abwanderung und einem Abfluss der intellektuellen Ressourcen betroffen. Es ist umso wichtiger, jungen Leuten zu ihrer persönlichen Selbstentfaltung, aber auch zur Erhaltung und Prosperität ihrer lokalen Gemeinschaften Bildungs- und Karrieremöglichkeiten zu eröffnen, um in ihrer angestammten Umgebung bleiben zu können und dort glücklich zu werden. Daher gilt es regionale Disparitäten abzubauen, eine Kohäsion des Landes zu schaffen und ländliche Räume wieder lebenswerter zu machen. Soziale Randgebiete, autochthone Minderheitengemeinschaften und auch Auslandsungarn sind somit bewusst zu fördern, um den dort Lebenden wieder Lebensperspektiven zu eröffnen. Dem Bildungswesen und auch den Bildungsträgern kommt hier eine eminent wichtige Rolle zu, denn sie verfügen über die notwenige Strahlkraft auch in die Regionen hinein.
Internationale Perspektiven schaffen
Ziel muss es nicht nur sein, junge Leute auszubilden, die heimatverbunden und bodenverhaftet, sondern gleichzeitig weltoffen und polyglott sind. Sie sollen über den nationalen Tellerrand hinausblicken können und Erfahrungen, Wissen und Kontakte im Ausland sammeln, doch ihr dort erworbenes Wissen wieder in ihrem Heimatland einbringen – zum eigenen Nutzen und zum Nutzen der Gemeinschaften, denen sie entstammen. Der internationale Austausch, die Vernetzung, die Konnektivität sind wichtig und entscheidend, bilden sie doch eine sichere Grundlage für eine internationale Atmosphäre des Vertrauens, des gegenseitigen Respekts und der Völkerverständigung. Der internationale Horizont ist und bleibt eine Bereicherung für jeden jungen Ungarn. Diesen Erfahrungs- und Wissensschatz wieder in die Heimat zurückzubringen und zum Allgemeinwohl nutzbar zu machen, muss Ansinnen einer guten Bildungspolitik sein. Damit kann auch dem Brain-Drain und der kulturellen Usurpation begegnet werden, denn ein jedes Land soll seiner Besten nicht beraubt werden, sondern blühen und florieren können. Dazu bedarf es gut ausgebildeter Leute.
Eine historische Dimension
1989/1990 wurden in den Ländern Mittel- und Osteuropas nicht über Nacht alle Hebel umgestellt. Noch immer wirken viele postkommunistische Muster und Mentalitäten in den Denkweisen der Menschen fort. Es bedarf einer neuen Generation, um die Diktaturerfahrung und ihre Fortwirkungen hinter sich zu lassen. Die damaligen jungen Menschen kämpften nach der Wende mit den Hinterlassenschaften der Einparteienherrschaft in ihrem Alltag. Es mangelte oftmals an Geld, Erfahrung, Sprachkenntnissen, Eloquenz und Offenheit, sich auf der europäischen und internationalen Bühne jederzeit zielstrebig, vertraut und virtuos zu bewegen. Vielleicht ist die Generation der um die Jahrtausendwende Geborenen die erste, die sich auf dem Parkett westeuropäischer Provenienz genauso selbstbewusst, sicher und vor allem selbstverständlich bewegt wie in Ungarn. Sie sind die ersten, die nichts anderes kannten als die EU-Mitgliedschaft. Für sie macht es keinen Unterschied mehr, ob sie ein Seminar in Budapest, Berlin oder London besuchen. Diese Attitüden müssen aber weiterhin gezielt durch internationale Programme und Initiativen gefördert werden. Auch dies ist das heutige Ungarn seinen jungen Leuten schuldig, die eben lange Zeit diese Möglichkeiten nicht in Ausmaß und Dimension haben genießen können wie ihre Altersgenossen in den westeuropäischen Ländern.
Interdisziplinär als Mehrwert
Über den Tellerrand zu blicken, empfiehlt sich nicht nur für die Kontaktanbahnung mit der weiten Welt, sondern auch schon bei sich zuhause – sei es durch bewusste extracurriculare Programme, Gemeinschaftsprojekte, Unterfangen des Gemeinsinns, wie etwa ein freiwilliges soziales Jahr, oder auch im Unterricht. An vielen Begabtenförderungswerken wird deshalb bewusst Wert auf den interdisziplinären Austausch gelegt, also das Belegen von zahlreichen Fächern, die mit der eigenen fachspezifischen Ausbildung, dem Beruf oder dem Studium erstmals nichts oder nur wenig zu tun haben. So kann ein Verständnis für komplexe Probleme der Gesellschaft entwickelt werden, die nicht monokausal zu behandeln sind, sondern aus dem Blickpunkt vieler verschiedener Perspektiven und Lösungsansätze interpretiert werden müssen. Es macht daher Sinn, wenn Fachkollegien ihre Angebote dergestalt ausrichten, dass nicht „Fachidioten“, sondern breit gefächerte und ausgebildete, vielseitig interessierte Fachmenschen in ihr Arbeitsleben eintreten, die zwar in ihrer jeweiligen Disziplin exzellent und zu Spitzenleistungen imstande sind, doch auch ein solides und breites Grundlagenverständnis für viele zeitgenössische Fragen und Problemstellungen entwickeln können. Wichtig ist dabei, dass Studenten immer einen möglichst direkten Zugang zu ihren Dozenten haben und ein System von Mentoren ihnen in den Unwägbarkeiten des Studienalltags helfend und beratend zur Seite steht.
Rede und Widerrede
Für viele Ungarn ist es eine historische Errungenschaft, angeblich sicher geglaubte Wahrheiten nie als solche hinzunehmen und vieles zu hinterfragen. Rede und Widerrede, These und Antithese sind Grundbausteine freier Rede und ergebnisoffener Debatten und der Motor der Wissenschaft. Bildungsträger müssen es ihren Studenten erlauben, ja sie dazu anhalten, stets mehrere Positionen kennenzulernen und einen gesunden Wettstreit der Ideen zuzulassen. Die jungen Menschen müssen dann selbst entscheiden, welche Argumente sie für überzeugender halten. In den, wenn auch für gewöhnlich polarisierten, Debattenräumen in Ungarn hat es sich doch eingebürgert, verschiedene Positionen zur Geltung kommen zu lassen und auch die andere Seite zu hören. Debatten müssen mannigfaltig, intellektuell anspruchsvoll und breit angelegt sein, mit vielen guten Argumenten auf beiden Seiten. Eine lebendige Streitkultur muss auch in den Bildungseinrichtungen gefördert werden. Moderne Probleme der öffentlichen Debattenkultur wie Cancel Culture, Kontaktschuld und Einengung der Diskursräume sind für viele Ungarn allein schon aus historischer Sensitivität einfach nicht vorstellbar. Die Diktaturerfahrung hat die Ungarn gelehrt, dass es immer gefährlich ist, nur eine bestimmte Meinung zuzulassen. Daher lesen sie gewohnheitsmäßig zwischen den Zeilen und haben oftmals eine hohe Sensibilität für Einschränkungen oder Einengungen der Freiheit. Die freie Rede und freie Debattenräume zu verteidigen ist auch ein gemeinsames europäisches Anliegen.
Fazit
International und interdisziplinär, heimatverbunden und dennoch weltoffen: Dies sind die Ideale für eine gebildete, vielseitig interessierte und aufgeschlossene junge Generation in Ungarn. In der Welt von anderen zu lernen, sich Debatten, Prozesse, Verfahrensweisen, Wissen, Fertigkeiten und Fähigkeiten anzueignen und sie dann zuhause zum Wohle der eigenen Gemeinschaft anzuwenden, das ist das hehre Ziel einer zukunftsgewandten Bildungspolitik. Dabei sind Debattenräume offen, inklusiv und vielfältig zu halten und Diskussionen nicht zu drosseln, sondern zu befördern und auszubauen. So kann auch Europa gelingen, eine echte Vielfalt in Einheit – mit einer Generation an jungen Menschen, die am ehrlichen Austausch und einer gelebten Völkerverständigung interessiert sind. Sie sind ihrem Heimatland verbunden und können auf dieser sicheren und festen Grundlage eine europäische Identität schaffen, die uns Europäer verbindet und die uns von so vielen anderen in der Welt auf wohlwollende Weise unterscheidet. Das ungarische Bildungswesen und die Ungarn sind offen, sich auf Europa einzulassen.