Wohl am Mittwoch wird der bisherige Wärmerekord des Landes vom 30. Juni 2026 von 42,0 Grad Celsius gebrochen. Mitten in diese Hitzeperiode kommt es zu einem unerwarteten Energieengpass und parteipolitischen Streitigkeiten.
Schon seit Wochen gab es fast keinen Niederschlag in Ungarn, es macht sich eine unerwartete und gespenstische Dürre breit, die man bisher so nicht kannte. Der Wasserpegel des Balatons liegt um 35-40 Zentimeter niedriger als sonst, der Wasserspiegel des Velencer Sees um fast 100 Zentimeter unter dem Richtwert. Weite Teile dieses Naherholungsgebiets sind verwaist, während der Balaton nach wie vor in seiner Popularität ungebrochen ist. Die Dürre macht sich auch in einer Austrocknung von weiteren Seen und Flüssen bemerkbar. Die Wasserpegel von Theiß und Donau sind auf einem rekordniedrigen Stand. In Budapest kann man sogar die Überreste der im Zweiten Weltkrieg gesprengten Franz-Josephs-Brücke erkennen – an der Stelle steht heute die Freiheitsbrücke – und immer wieder tauchen Weltkriegsgranaten oder sogar vermisste Personenkraftwagen im Fluss auf. Auch sollen im Balaton einige Wehrmachtsflieger verborgen sein. Archäologen wie Hobbytaucher finden dies natürlich sehr spannend.
Auch in der Politik bleibt es hochinteressant. Die neue Regierungspartei wollte die Sommerpause ausfallen lassen und eigentlich selbst in diesen hochsommerlichen Augusttagen noch weitere Parlamentssitzungen veranstalten – nachdem bis zuletzt jeden Montag und Dienstag die Nationalversammlung tagte. Doch aufgrund der extremen Wetterbedingungen wurde hierauf verzichtet. In eilends einberufenen Pressekonferenzen stellte Ministerpräsident Péter Magyar ab vergangenem Donnerstag täglich die bedrohliche Lage vor: Nicht nur werde das Wasser knapp, auch die Energiesicherheit Ungarns sei in ernsthafter Gefahr. Industrie und Haushalte sollten freiwillig Einsparungen vornehmen, gerade in der Zeit von 17 bis 22 Uhr. Arbeitnehmer seien gehalten, Homeoffice anzuordnen, Lichter sollten gedämmt werden.
Doch wie kam es dazu? Ungarn produziert neben großen Mengen an Photovoltaik etwa 40% seines Strombedarf im Atomkraftwerk Paks an der Donau. Diese eigentlich wind-, sonnen- und wetterunabhängige Technologie kommt in diesen heißen Sommertagen dennoch an ihre Grenzen. Der Grund ist simpel: Der niedrige Stand der Donau mache es kaum mehr möglich, genügend Kühlwasser in die vier Reaktoren zu pumpen. Diese produzieren jeden Tag etwa 2.000 Megawatt. Zurzeit läuft noch ein Reaktor, doch die Abschaltung droht jede Minute. Damit muss Ungarn einen großen Teil der verbrauchten Energie zwangsläufig einsparen oder aus Importen beziehen, die aber zurzeit nicht ganz günstig wären. Die Slowakei bot bereits Atomhilfe an.
Die politisch Verantwortlichen begannen augenblicklich in Schuldzuweisungen: Die Regierung beschuldigte die bisherigen Entscheidungsträger, kaum Windräder, keine Donaustaustufe und in Paks keine Pumpanlage gebaut zu haben, die auch bei Niedrigwasser in Betrieb bleiben könnte. Demgegenüber kritisierte die Opposition, dass der Regierung schon beim Amtsantritt vor vier Monaten die akute Dürre hätte auffallen müssen. Sie hätte in der gesamten Zeit jedoch nichts zur Verbesserung dieser schwierigen Lage unternommen, sondern sei nur mit einer werbewirksamen Vermarktung ihrer eigenen Arbeit zugegen gewesen. Wie dem auch sei: Interimsstaatspräsidentin Ágnes Forsthoffer versammelte gestern die Fraktionsvorsitzenden und den Regierungschef in ihrem Amtssitz und appellierte, gemeinsam diese Herkulesaufgabe zu stemmen. Die ersten Zeichen sind gut: Bevölkerung und Industrie konnten bereits am Sonntagabend 700 MW einsparen, die freiwillige Selbstverpflichtung wirkt. Hoffen wir das Beste!