Regierungschef Péter Magyar verspricht ab sofort politisch ausgewogene statt einseitige News
Davon kann sich Deutschland aber mal so eine dicke Scheibe als Vorbild abschneiden: „Der öffentlich-rechtliche Rundfunk darf nicht lügen. Wir entschuldigen uns, dass wir dies über lange Jahre dennoch getan haben! Der öffentlich-rechtliche Rundfunk wird jetzt umgestaltet, sodass er in Zukunft unabhängig und glaubwürdig sein kann. Die Berichterstattung wird vorübergehend ausgesetzt. Bleiben Sie bei uns!“
Mit dieser makabren Nachricht waren die ungarischen Zuschauer des öffentlich-rechtlichen Nachrichtenkanals M1 konfrontiert, als sie am 7. Juli in der Zeit zwischen 16.00 und 19.56 Uhr ihre Fernsehgeräte einschalteten. Eine wortgleiche Nachricht war auf dem Nachrichtenportal des ÖRR im Internet zu lesen. Um 19.56 Uhr – eine Anspielung auf den Ungarnaufstand 1956 – begann der Sendebetrieb ausschließlich mit ungarischen klassischen Filmen. Noch immer ist nicht absehbar, wenn wieder Nachrichten kommen werden. Es wurde aber der Kultfilm „Der Zeuge“ ausgestrahlt, der die Absurditäten der kommunistischen Diktatur aufs Korn nimmt. Der einfältige Protagonist wird hierbei mit hochdotierten und absurden Führungsposten reich versorgt, um ihm als Gegenleistung mittels eines vorgeschriebenen und einzuübenden Texts eine fingierte Zeugenaussage in einem Schauprozess in den Mund zu legen. Jedermann in Ungarn kennt den Film und dessen tiefe Bedeutung. Die indirekt subtile Aussage der jetzigen Ausstrahlung: Auch der ungarische ÖRR wurde bis zuletzt von inkompetenten Personen geleitet, die politische Gefälligkeiten erfüllen sollten. Und sie haben es getan.
Schwund der Einschaltquoten
In Ungarn war es zur Gewohnheit geworden, dass sich die Nachrichten im öffentlich-rechtlichen Rundfunk stark an der jeweiligen politischen Mehrheit orientierten. Die mit jedem Regierungswechsel neu ernannten Intendanten machten von ihrer politischen Meinung nie einen Hehl und gaben immer unverhohlener die Parole aus, dass im Sinne der jeweiligen Regierung zu berichten sei. Dieser Trend machte sich in den letzten Jahren verstärkt bemerkbar und gipfelte in der nun entstandenen skurrilen Situation, die der Neuaufstellung des polnischen ÖRR vor einigen Jahren nicht ganz unähnlich ist. Auch in Ungarn bedienten die Nachrichtensendungen und -formate des ÖRR das Narrativ der jeweils scheidenden Regierung – so der nicht ganz unzutreffende Vorwurf. Kritiker sprechen dabei sogar von „Propaganda“.
Doch wie kam es zu dieser Entwicklung? Während das Flaggschiff, die Hauptnachrichten um 19.30 Uhr – etwa vergleichbar mit der Tagesschau um 20 Uhr in Deutschland –, noch Anfang der Nullerjahre mit einer Quote von 15 Prozent Marktführer war, sank die Einschaltquote kontinuierlich, sodass das Privatfernsehen mit RTL und TV2 mit ihren Nachrichtensendungen den klassischen ÖRR überflügeln konnte. Im Bereich der Unterhaltungssendungen waren die Privaten schon früher tonangebend. Bei den Nachrichten übertrumpfte ATV den ÖRR ebenfalls. 2010 betrug die ÖRR-Marktmacht nur noch zehn Prozent, schon damals war bei der relevanten Zielgruppe von 18 bis 49 Jahren die Einschaltquote bei nur wenigen Prozentpunkten. Fünf Jahre später erfolgte dann der gefühlte Todesstoß: Die Nachrichten wurden zentralisiert, das Hauptprogramm sendete als Nachrichtensender nur noch Nachrichtenformate und für Unterhaltung musste man zu anderen ÖRR-Kanälen umschalten.
Bei Kossuth Radio galt dasselbe. Dabei wurden die zentralen politischen Aussagen der News eindimensional, penetrant und gebetsmühlenartig im Sinne der damaligen Regierung serviert – am Ende schon ganz unvermittelt. Auch aus diesen Gründen sank die Quote immer weiter, zuletzt betrug sie magere drei Prozent. Kurz vor dem Abschalten waren es nur noch 20.000, vorwiegend ältere Zuschauer; den bereits genannten Kultfilm sahen dann mehr als 120.000 Personen.
Hoffen auf mehr Ausgewogenheit
Jetzt wird der öffentlich-rechtliche Rundfunk erneuert. Gleich am besagten Dienstag wurden etwa 80 Redakteure und Nachrichtensprecher entlassen. Ihnen wurden Diensthandy, Laptop, Einlasskarte weggenommen, einer sogar von Sicherheitskräften außer Haus begleitet. Insbesondere die politischen Formate und die Nachrichtensendungen waren betroffen. Es mussten Mitarbeiter gehen, die sich als zentrale mediale Gesichter des „Systems Orbán“ bemerkbar gemacht haben sollen.
Doch diese eher rabiaten Methoden erinnern an ähnliche Vorkommnisse nach dem Regierungsantritt von Donald Tusk in Polen 2023. In Ungarn stellt Péter Magyar aber in Aussicht, einen unabhängigen, glaubwürdigen und authentischen Rundfunk aufzubauen. Im Bereich der öffentlich-rechtlichen Nachrichtensender war die Kritik an der Orbán-Regierung immens und der Veränderungsdruck mit Händen zu greifen. Die Regierenden waren der Versuchung erlegen, den jährlich mit etwa 450 Millionen Euro an direkten Staatsgeldern großzügig ausgestatteten ÖRR – in Ungarn gibt es keinen Zwangsrundfunkbeitrag – im Sinne der eigenen parteipolitischen Agenda zu betreiben. Die Radikalkritik von Magyar setzt hier an und es ist hoffen, dass die versprochenen ausgewogenen Nachrichten wahr werden. Für die Diskussion in Deutschland sind die Entwicklungen in Ungarn erhellend, da sich der deutsche ÖRR einer sehr ähnlichen politischen Kritik ausgesetzt sieht – nur von der anderen politischen Seite.