Vor fünf Jahren wurde das Deutsch-Ungarische Institut für Europäische Zusammenarbeit gegründet. Anlässlich dieses Jubiläums unterhielt die Budapester Zeitung sich mit dem Direktor, Bence Bauer, über den zurückgelegten Weg und die weiteren Perspektiven des Instituts.
Was war die Motivation, die vor fünf Jahren zur Gründung Ihres Instituts führte?
Die Hauptmotivation war, dass wir uns für die deutsch-ungarischen Beziehungen einsetzen wollten. Zudem gab es trotz der hohen Bedeutung Deutschlands für Ungarn – sowohl historisch, kulturell als auch wirtschaftlich – bisher erstaunlicherweise kein derartiges Institut. In Deutschland gibt es beispielsweise das Deutsch-Polnische oder das Deutsch-Französische Institut in Ludwigsburg. Ähnliche Institute gibt es bei uns nicht. Kernelement unserer Mission ist das Wirken in beide Länder hinein mit dem Ziel, Informationen zu vermitteln, Missverständnisse aufzuklären bzw. solchen idealerweise vorzubeugen. Bisher gab es nie eine Institution, die sich langfristig, gezielt und vor allem branchenübergreifend mit den deutsch-ungarischen Beziehungen befasst hat.
Als ich das Institut vor fünf Jahren gründete, galt es zunächst, die Grundlagen zu schaffen. Strukturen mussten etabliert und Personal eingestellt werden. Erst danach konnten wir mit der eigentlichen Arbeit beginnen, Publikationen vorbereiten, Kontakte aufbauen und Partner finden. Heute haben wir uns erfolgreich etabliert und sind in Ungarn bereits als das „Deutschlandinstitut” bekannt. Im vergangenen Jahr hatten wir 71 Veranstaltungen, mehr als 550 Medienerscheinungen sowie zahlreiche Visiting Fellows und Gastredner. Zu unseren Vorteilen zählt zudem unser großes Netzwerk in mehreren Ländern. Ich kann mit Stolz sagen, dass wir heute in der Lage sind, eine Veranstaltung mit bis zu 100 Gästen in jeder Stadt Deutschlands zu organisieren.
Versteht sich die Namenswahl Ihres Instituts als bewusste Fokussierung auf Deutschland? Oder ist das „deutsch“ eher als „deutschsprachig“ zu verstehen?
Nein, das Deutsch-Ungarische Institut für Europäische Zusammenarbeit versteht sich dezidiert nicht nur als Institut für die deutsch-ungarischen Beziehungen, sondern strebt danach, den gesamten deutschsprachigen Raum abzudecken. Eigentlich hätten wir das Institut Deutsch-Österreichisch-Liechtensteinisch-Schweizerisch-Luxemburgisch-Ungarisches Institut nennen können, aber Sie müssen zugeben, dass das etwas merkwürdig klingen würde. Wir organisieren Veranstaltungen im gesamten deutschsprachigen Raum, wobei der Schwerpunkt derzeit auf Deutschland und Österreich liegt. Allerdings haben wir auch bereits Veranstaltungen in der Schweiz durchgeführt und planen für dieses Jahr eine Studienreise mit unseren Studenten in das deutschsprachige Ostbelgien, um ihnen auch diese Facette der deutschen Lebenswirklichkeit näherzubringen. Wir sind also ganz entschieden kein rein bilaterales Institut mehr, sondern decken mittlerweile den gesamten deutschen Sprachraum ab.
Welche Rolle war dem DUI innerhalb des MCC, aber auch im Rahmen der Außenbeziehungen Ungarns, zugedacht? Hat sich an dieser Arbeitsteilung im Laufe der Jahre etwas geändert?
Das Deutsch-Ungarische Institut ist eines von sechs Forschungsinstituten am Mathias-Corvinus-Collegium (MCC) und dort insbesondere für alles Deutschsprachige zuständig. In gewisser Weise sind wir ein Sonderfall unter den Instituten, da wir, anders als das Migrationsforschungsinstitut oder das Klimapolitische Institut, keinen bestimmten thematischen Schwerpunkt haben, sondern quer im System liegen und eine Vielzahl unterschiedlicher Themenbereiche abdecken müssen. Unser Schwerpunkt liegt nach wie vor auf der Begabtenförderung. Daher bieten wir Kurse und Workshops für die MCC-Studenten an und bemühen uns, möglichst interessante und namhafte Redner einzuladen, um unseren Studenten neue Perspektiven zu eröffnen. Selbstverständlich streben wir auch eine Verbesserung der bilateralen Beziehungen an. Allerdings sind wir Teil der Zivilgesellschaft und nicht beim ungarischen Außenministerium angesiedelt. Das Institut fungiert vielmehr als Begegnungsort zwischen Vertretern aus Wissenschaft, Medien, Politik und Diplomatie mit ungarischen Studenten.
Obwohl wir wie das gesamte MCC über ein bürgerliches und freiheitliches Wertefundament verfügen, verschließen wir uns anderen Meinungen und Standpunkten nicht, da wir fest davon überzeugt sind, dass die freie Meinungsäußerung und der offene Diskurs Kernelemente der Stabilität und des Erfolgs einer freien und demokratischen Gesellschaft sind. Die meisten unserer Referenten stehen, sofern sie überhaupt einer politischen Richtung zuzuordnen sind, den bürgerlichen Parteien nahe, insbesondere den Unionsparteien, aber auch der SPD oder der FDP.
Vor fünf Jahren hat Ihr Institut absolutes Neuland betreten und musste sich seine Existenzberechtigung schrittweise erarbeiten. Wie haben sich Ihr Aufgabenspektrum und Ihr Profil in den letzten fünf Jahren verändert?
Selbstverständlich muss jede Institution ihr Bestehen rechtfertigen können. Das DUI wurde jedoch mit einer klaren Zielsetzung konzipiert und gegründet. Unser Hauptziel war von Beginn an, das historisch gewachsene, engmaschige Beziehungsgeflecht zwischen Ungarn und Deutschland sowie dem gesamten deutschen Sprachraum zu pflegen und auszubauen. Mit dieser Vision sind wir Ende 2020 an den Start gegangen, dieser Zielsetzung sind wir bisher gefolgt und werden dies auch in Zukunft tun.
Wie ich bereits erwähnt hatte, bestand unsere Arbeit zu Beginn insbesondere aus der Akquise neuer Kontakte und Partner. Heute hat sich unsere Arbeit in diesem Bereich insoweit verändert, dass wir bereits über ein breites und solides Fundament an Partnern und Kontakten verfügen. Dieses Fundament erweitern wir stetig. Dies erleichtert unsere Arbeit und ermöglicht es uns, uns anderen Tätigkeitsbereichen zuzuwenden, darunter beispielsweise unserer wissenschaftlichen Tätigkeit. Seit mittlerweile drei Jahren veröffentlicht unser Institut ein Jahrbuch.
Mit welchen in- und ausländischen Institutionen arbeitet Ihr Institut zusammen? Welche Kooperationen haben sich bewährt? Welche weiteren Kooperationen sind noch geplant?
In den vergangenen fünf Jahren hat unser Institut mit einer Vielzahl von Partnerinstitutionen im In- und Ausland zusammengearbeitet. Ein Teil dieser Kooperationen war projektbasiert und einmalig, während sich mit anderen Organisationen dauerhafte, regelmäßige fachliche Beziehungen entwickelt haben. Zu den längerfristigen Kooperationen gehören die Zusammenarbeit mit The Republic, einem konservativen Thinktank mit Sitz in Berlin, sowie mit der Stiftung Wissenschaft und Politik. Die Stiftung ist eine unabhängige außenpolitische Beratungseinrichtung der deutschen Bundesregierung und des Bundestages. Mit ihr hat unser Institut in den vergangenen Jahren mehrere bilaterale Workshops durchgeführt. Eine ähnliche Beziehung hat sich zur Diplomatischen Akademie Wien entwickelt, mit der mehrere Veranstaltungen sowie eine Fachstudienreise für MCC-Studenten in Wien realisiert wurden. Abgerundet wird diese Reihe von Partnerorganisationen durch die Academy of International Affairs in Nordrhein-Westfalen. Zu den Wiener Partnern zählen zudem der Liberale Klub und die Wiener Ringstraßenakademie, die wie das MCC Begabtenförderungsaktivitäten durchführt.
Welche Auswahlkriterien haben Sie hinsichtlich Gastlektoren und Referenten? Wie ist der Zuspruch bei den von Ihnen angesprochenen Personen?
Bei der Auswahl der Gastlektoren und Referenten orientieren wir uns an mehreren Aspekten. Zum einen stellen wir uns die Frage, ob das jeweilige Thema für ein ungarisches Publikum und unsere Studenten einen Mehrwert bietet oder der Förderung der bilateralen Beziehungen und des gegenseitigen Austausches dient. Ich denke, dass wir dabei durchaus erfolgreich waren, denn unsere Veranstaltungen kommen beim ungarischen Publikum gut an und sind stets gut besucht. Zudem organisieren wir für unsere Gäste stets ein umfassendes Besuchsprogramm und bringen sie direkt mit ungarischen Vertretern aus den Bereichen Wissenschaft, Diplomatie, Verwaltung, Politik, Medien, Bürgergesellschaft, Kultur und Jugend in Kontakt. Eine wichtige Erkenntnis aus mehr als fünf Jahren Institutstätigkeit ist, dass die Bedeutung persönlicher und verlässlicher Kontakte nicht überschätzt werden kann.
Bei Ihrer Auswahl halten Sie sich bewusst von Parteipolitikern fern. Wird sich daran in Zukunft etwas ändern?
Tatsächlich überwiegen bei uns eindeutig die Gäste aus der Bürgergesellschaft, der Wissenschaft oder dem Stiftungswesen. Allerdings hatten wir auch aktive Politiker zu Gast. Der Auftritt des Tübinger Oberbürgermeisters Boris Palmer erhielt dabei wohl die größte mediale Aufmerksamkeit. Wir verschließen uns also nicht grundsätzlich Gastrednern aus der Politik. Vielmehr müssen wir uns stets die Frage stellen, ob die jeweilige Person einen entsprechenden Mehrwert für unser Publikum und unsere Studenten liefert.
Vor einem Jahr gab es beim Fidesz eine Neuausrichtung: weg von den bisherigen Bündnispartnern CDU und CSU, hin zur AfD. Wie hat sich das auf Ihren Spielraum ausgewirkt? Können Sie heute Gäste einladen, von denen Sie noch vor einem Jahr aus Rücksicht gegenüber anderen potenziellen Gästen lieber die Finger gelassen haben?
Wir sind ein unabhängiger Thinktank und Teil der ungarischen Bürgergesellschaft. Wir stehen für offenen Dialog und Austausch mit Vertretern, Entscheidungsträgern und Multiplikatoren aus Wissenschaft, Akademie, Medien, Diplomatie und Politik. Der Politik fällt dabei nur eine untergeordnete Rolle zu, mit Parteipolitik beschäftigen wir uns gar nicht. Parteipolitische Überlegungen und Veränderungen sind daher für unsere Arbeit nicht weiter relevant. Grundsätzlich sind wir aber bereit, mit allen demokratischen Entscheidungsträgern und Multiplikatoren des deutschen öffentlichen Lebens zu reden.
Die Abwägung zwischen interessanten und relevanten Referenten und solchen, die gerade noch im Sinne des deutschen Mainstreams „politisch korrekt“ sind, dürfte manchmal eine ganz schöne Gratwanderung sein. Wie gehen Sie damit um? Wo ziehen Sie Grenzen? Welche Verschiebungen nehmen Sie wahr?
In Ungarn gibt es das sehr deutsche Phänomen der „Kontaktschuld“ nicht. Allerdings müssen wir bei unserer Arbeit natürlich auch deutsche Befindlichkeiten berücksichtigen. Wichtig ist jedoch zu betonen, dass wir uns bei unserer Arbeit keine inhaltlichen Vorschriften machen lassen. Bei uns sind Menschen aus dem gesamten politischen Spektrum willkommen – außer Extremisten jeglicher politischer Couleur.
Welche Pläne haben Sie für die kommenden fünf Jahre?
Ich denke, dass wir als Institut mittlerweile einen guten Punkt erreicht haben. Natürlich gibt es immer Raum für Verbesserungen, aber für die Zukunft sehe ich den Schwerpunkt in einer weiteren Intensivierung der bereits laufenden Tätigkeiten. An dieser Stelle möchte ich die Gelegenheit nutzen, um mich auch bei meinen vielen engagierten Mitarbeitern zu bedanken. Ohne sie wäre die Arbeit des Instituts in dieser Form nicht möglich.