Eines der außenpolitischen Ziele der neuen ungarischen Regierung unter Ministerpräsident Péter Magyar, die am 13. Mai ihr Amt antrat, ist die Wiederherstellung der in den vergangenen Jahren verschlechterten bilateralen Beziehungen zwischen Deutschland und Ungarn. Dafür scheinen derzeit alle Voraussetzungen gegeben zu sein. Die Veränderungen in der deutschen Innenpolitik und im öffentlichen Diskurs der letzten Jahre sowie die Bildung der neuen ungarischen Regierung schaffen die Möglichkeit, dass sich der politische Dialog zwischen beiden Ländern normalisiert und parteipolitische sowie persönliche Konflikte überwunden werden, die die Beziehungen bislang belastet haben.

 

Tausendjährige Beziehungen

Die Grundlage der deutsch-ungarischen Beziehungen bilden neben der tausendjährigen gemeinsamen Geschichte und kulturellen Verbundenheit vor allem die engen wirtschaftlichen Kooperationen, die sich vor und nach der politischen Wende entwickelt haben. Hinzu kam über Jahrzehnte hinweg die große Sympathie vieler Deutscher gegenüber Ungarn infolge der Grenzöffnung und des Paneuropäischen Picknicks – insbesondere unter Ostdeutschen. „Der Boden unter dem Brandenburger Tor ist ungarischer Boden“, sagte einst Helmut Kohl. Diese Sympathie ist in jüngster Zeit aufgrund politischer, parteipolitischer und persönlicher Konflikte abgeflacht; das Verhältnis kühlte sich merklich ab. Die neue Regierung kann nun jedoch mit frischem Elan und der Kraft eines Neuanfangs viel zur Verbesserung der deutsch-ungarischen Beziehungen beitragen.

Die herausragende Rolle deutscher Unternehmen in Ungarn, die direkt oder indirekt Hunderttausende Arbeitsplätze sichern, ist allgemein bekannt. Deutschlands strategische Bedeutung für die ungarische Wirtschaft – es macht ein Viertel des ungarischen Außenhandels aus – ist unbestreitbar. Trotz der zunehmenden politischen Konflikte der letzten Jahre und der strukturellen Schwierigkeiten der deutschen Wirtschaft bleibt Ungarn ein bedeutender Investitionsstandort. Beispiele hierfür sind die Werke von Audi, Mercedes und BMW oder die Investitionen des Rüstungskonzerns Rheinmetall in den vergangenen Jahren.

Gleichzeitig belastete die Verschlechterung der Regierungsbeziehungen die ausgewogenen Wirtschaftsbeziehungen zunehmend: Der hochrangige politische Dialog wurde seltener und einzelne wirtschaftspolitische Entscheidungen Budapests, insbesondere solche, die deutsche Einzelhandelsketten betrafen, verschärften die Spannungen zusätzlich.

Die eigentlichen Wurzeln der Verschlechterung der politischen Beziehungen reichen bis zur Migrationskrise 2015 zurück. Zwar gab es bereits zuvor deutsche Kritik an der Lage des Rechtsstaats und am Mediengesetz von 2010, doch die Ereignisse von 2015/2016 bildeten den ersten ernsthaften Konfliktpunkt. Während die ungarische Regierung eine restriktive Migrationspolitik verfolgte und als erstes EU-Land einen neuen Grenzzaun zur Einhegung der Fluchtbewegung entlang der sogenannten Balkanroute errichtete, setzte die deutsche Regierung unter Angela Merkel auf eine liberale, humanitäre Migrationspolitik und signalisierte faktisch Offenheit gegenüber massenhafter illegaler Migration nach Deutschland.

In der Folge verstärkten sich die deutschen Kritiken an der ungarischen Migrationspolitik und am Zustand des Rechtsstaats. Dennoch ermöglichten gemeinsame wirtschaftliche Interessen sowie die Zugehörigkeit zur Europäischen Volkspartei (EVP) weiterhin den politischen Dialog. Ein Zeichen dafür war Angela Merkels Besuch in Ungarn im Jahr 2019 anlässlich des 30. Jahrestages des Paneuropäischen Picknicks und der Grenzöffnung in Sopron. Der Besuch hatte symbolische Bedeutung, konnte die gegenseitige Entfremdung jedoch nicht stoppen.

Bruch in den politischen Beziehungen

Der eigentliche Bruch der bilateralen Beziehungen wurde letztlich nicht in Budapest oder Berlin, sondern in Brüssel ausgelöst. Innerhalb der EVP führten die Kritiken einzelner Mitgliedsparteien – insbesondere des CSU-Politikers Manfred Weber – zu einer Eskalation des Konflikts mit der Fidesz, die zunächst in der Suspendierung und schließlich im freiwilligen Austritt der Partei aus der EVP gipfelte. Der Verlust der gemeinsamen Parteifamilie führte gleichzeitig zu einer bis heute andauernden Erosion der Beziehungen zwischen CDU/CSU und Fidesz-KDNP.

Besonders deutlich zeigte sich der Bruch auf Seiten der CSU, die unter anderem Fidesz dafür verantwortlich machte, dass Weber letztlich nicht Spitzenkandidat der EVP für das Amt des EU-Kommissionspräsidenten wurde. Auch die Bildung der links-liberalen Scholz-Regierung Ende 2021 sowie die erstmalige Oppositionsrolle der Unionsparteien seit langer Zeit änderten nichts an der Dynamik der Beziehungen. Die Eskalation des russisch-ukrainischen Krieges brachte einen weiteren Konfliktpunkt hervor, da die Positionen der ungarischen und deutschen Regierung stark voneinander abwichen.

Zwar führte Viktor Orbán 2022 und 2024 Gespräche mit Olaf Scholz in Berlin, doch gelang weder mit der Bundesregierung noch mit der CDU unter dem neu gewählten Parteivorsitzenden Friedrich Merz eine nachhaltige Annäherung. Zwar unternahm der neue Außenminister Johann Wadephul nach dem Regierungswechsel 2025 einen symbolischen Versuch der Normalisierung, doch mangelnde Kompromissbereitschaft auf beiden Seiten sowie die politische Annäherung zwischen AfD und Fidesz verhinderten eine tatsächliche Verbesserung.

Günstige Voraussetzungen

Angesichts der zahlreichen europäischen, bilateralen und parteipolitischen Konflikte überrascht es kaum, dass Vertreter der deutschen politischen Elite, unabhängig von ihrer Parteizugehörigkeit, das Ergebnis der ungarischen Parlamentswahl im April begrüßten. Nach der Regierungsbildung unter Péter Magyar gratulierte Bundeskanzler Merz erneut dem Vorsitzenden der Tisza-Partei und betonte in seinem Schreiben die enge Partnerschaft zwischen Deutschland und Ungarn. Gleichzeitig lud er den neuen ungarischen Ministerpräsidenten nach Berlin ein.

Auch Bayerns Ministerpräsident Markus Söder sprach bereits am Tag nach der Wahl über die Bedeutung einer Wiederbelebung der lange Zeit sehr guten, zuletzt jedoch stagnierenden bayerisch-ungarischen Beziehungen und kündigte die Wiederaufnahme gemeinsamer Regierungskommissionen an.

Die Voraussetzungen für eine Revitalisierung der bilateralen Beziehungen scheinen also gegeben zu sein. Die neue ungarische Regierung wird in Deutschland derzeit durchweg positiv und hoffnungsvoll wahrgenommen. Mit der Tisza-Partei gibt es zudem wieder eine ungarische Regierungspartei, die Mitglied der EVP-Fraktion im Europäischen Parlament ist. Bereits vor den Wahlen fanden erste hochrangige Kontakte statt: Im Februar 2026 trafen Péter Magyar und die damalige Außenministerkandidatin Anita Orbán im Rahmen der Münchner Sicherheitskonferenz Friedrich Merz, um über die Prioritäten des Programms der Tisza-Partei, geplante Reformen und die Rückführung von EU-Geldern zu sprechen. Wie wichtig die EVP-Verbindungen sind, zeigte sich auch bei den ersten Auslandsreisen des neuen Ministerpräsidenten nach Warschau und Wien, wo ihn die EVP-nahen Regierungschefs herzlich empfingen und es sogar spontane Sympathiebekundungen aus der Bevölkerung gab.

Die Wiederherstellung der deutsch-ungarischen Beziehungen wird zusätzlich dadurch erleichtert, dass sich die Positionen Deutschlands in mehreren zentralen Fragen inzwischen deutlich den früheren ungarischen Standpunkten angenähert haben, insbesondere in der Migrationspolitik und teilweise auch bei der Frage eines möglichen EU-Beitritts der Ukraine. Während Berlin 2015/2016 noch einer der schärfsten Kritiker der restriktiven ungarischen Maßnahmen war, verfolgen die Unionsparteien heute selbst eine deutlich strengere Migrationspolitik, etwa durch temporäre, aber regelmäßig verlängerte Grenzkontrollen an allen deutschen Landgrenzen. Damit haben sich die Positionen beider Länder in dieser Frage deutlich angenähert. Aufgrund der früheren politischen und teilweise persönlichen Konflikte kam es bislang jedoch nicht zu einem gemeinsamen Auftreten. Die Parlamentswahlen im April haben nun jedoch eine neue Situation geschaffen.

Offen bleibt allerdings, wie sich die von der Tisza-Partei geführte Regierung künftig konkret zum EU-Migrations- und Asylpakt verhalten wird, der am 12. Juni 2026 in Kraft tritt – speziell hinsichtlich des verpflichtenden Solidaritätsmechanismus. Auch in Bezug auf die Ukraine belasten die „historischen Lasten“ der vergangenen Jahre die Beziehungen nicht mehr in gleichem Maße. Obwohl das Veto gegen den 90-Milliarden-Euro-EU-Kredit für die Ukraine noch von der Übergangsregierung Orbán Ende April zurückgezogen wurde, hatte Péter Magyar bereits zuvor angekündigt, dass Ungarn sich trotz Aufgabe des Vetos nicht an der Finanzierung beteiligen und einen beschleunigten EU-Beitritt der Ukraine nicht unterstützen werde.

Dieses Beispiel zeigt deutlich, dass sich die deutsch-ungarischen Beziehungen nach dem Regierungswechsel verbessern können, obwohl sich die politischen Inhalte und Positionen nur geringfügig verändern.