Am 14. Mai 2026 hielt der Althistoriker Prof. Dr. Egon Flaig im MCC-Bildungszentrum in Pécs einen Vortrag über das Verhältnis von antiker und moderner Freiheit und beleuchtete dabei die ideengeschichtlichen Grundlagen des Liberalismus sowie aktuelle politische Herausforderungen.
Im Zentrum des Vortrags stand die These, dass die liberale Tradition die antike Freiheit missverstanden habe. Flaig argumentierte, dass bereits Aristoteles zwischen politischer und individueller Freiheit unterschieden habe. Politische Freiheit bedeutete demnach die Teilhabe der Bürger an den Entscheidungen des Gemeinwesens, während individuelle Freiheit als das Recht verstanden wurde, „zu leben, wie man will“, sofern dies innerhalb der Gesetze und sozialen Normen der Polis geschehe. Für die antiken Griechen habe dabei kein Widerspruch zwischen individueller und politischer Freiheit bestanden. Einen weiteren Schwerpunkt bildete die Auseinandersetzung mit Benjamin Constant, einem der Gründungsväter des kontinentalen Liberalismus. Flaig kritisierte dessen Gegenüberstellung von antiker und moderner Freiheit und warnte vor einem Liberalismus, der politische Freiheit zugunsten radikaler Individualisierung vernachlässige. Eine Gesellschaft, die Freiheit ausschließlich als private Selbstverwirklichung verstehe, verliere langfristig ihren Gemeinsinn und damit die Grundlage demokratischer Ordnungen. Vor diesem Hintergrund plädierte Flaig für eine Rückbesinnung auf die republikanischen Grundlagen der Freiheit. Demokratie könne nur dort dauerhaft bestehen, wo Bürger bereit seien, sich politisch einzubringen und Verantwortung für das Gemeinwesen zu übernehmen.