Rund 90 Interessierte versammelten sich auf Einladung des Deutsch-Ungarischen Instituts für Europäische Zusammenarbeit am 26. November 2025 im Mathias Corvinus Collegium, um dem Vortrag des deutschen Historikers Hubertus Knabe zum Thema „Aus den Geheimarchiven der Stasi – von der Balaton-Brigade zum Fall der Berliner Mauer“ zu lauschen. Im Namen des Deutsch-Ungarischen Instituts begrüßte Frank Spengler, Berater des Instituts, die Gäste und würdigte die herausragende Arbeit von Dr. Hubertus Knabe, dessen jahrzehntelange Forschung zur DDR-Geschichte und zur Staatssicherheit (Stasi) international große Anerkennung findet und maßgeblich zur Aufarbeitung der kommunistischen Diktatur in der DDR beiträgt.
Der Referent begann seinen Vortrag mit persönlichen Erinnerungen an seine Zeit in Budapest in den 1980er-Jahren, als er noch etwas Ungarisch sprach und aus nächster Nähe die Atmosphäre eines „liberaleren Ostblocks“ erlebte. Von hier aus spannte er den Bogen zu seiner historischen Analyse über das Jahr 1989 – ein Jahr, das die politische Landkarte Europas nachhaltig veränderte. Knabe schilderte eindrucksvoll, wie eng die kommunistischen Geheimdienste miteinander kooperierten, wie die Stasi am Balaton eigene operative Gruppen unterhielt und wie die wachsende Zahl ostdeutscher Urlauber – zeitweise über eine Million jährlich – unfreiwillig zu einem Motor der Veränderung wurde. Besonders betonte er die Diskrepanz zwischen dem Selbstverständnis der Stasi und der tatsächlichen politischen Realität: Während die DDR-Führung sich in Stabilität wiegte, entwickelten sich in Ungarn Prozesse, die das System letztlich zum Einsturz brachten.
Breiten Raum nahm die Darstellung der ungarischen Grenzpolitik ein. Knabe erläuterte, wie der marode Grenzzaun, der eigenständige ungarische Umgang mit DDR-Flüchtlingen und der Beitritt Ungarns zur Genfer Flüchtlingskonvention eine Dynamik auslösten, die von der DDR-Führung völlig unterschätzt wurde. Die Entscheidung der Regierung unter Miklós Németh, dem letzten Ministerpräsidenten der Volksrepublik Ungarn, die DDR-Bürger am 11. September 1989 ausreisen zu lassen, bezeichnete Knabe als den „entscheidendsten und mutigsten Schritt“, der eine Kettenreaktion auslöste und letztlich zum Fall der Berliner Mauer führte. Die Rolle der Sowjetunion – insbesondere Gorbatschows Zurückhaltung – wurde dabei ebenfalls hervorgehoben.
Im Anschluss an den Vortrag folgte eine angeregte Diskussion, moderiert von Prof. Dr. Frank-Lothar Kroll, Professor für Europäische Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts an der Technischen Universität Chemnitz, der dem Referenten zunächst einige präzise Fragen stellte. Dabei ging es unter anderem um die Bewertung des Paneuropäischen-Picknicks, die Frage nach den eigentlichen politischen Entscheidungsträgern hinter der Grenzöffnung sowie um Mythen und Legenden, die sich später um die Ereignisse rankten. Anschließend erhielt das Publikum das Wort: Die Zuhörer – jüngere wie ältere – nutzten die Gelegenheit, Fragen zu stellen, um die geschichtlichen Zusammenhänge weiter zu vertiefen.Der Abend endete daher mit einer lebhaften Fragerunde, in der Knabe auf Deutsch und bei Bedarf mit ungarischer Unterstützung die Fragen der Zuhörer beantwortete. Die Veranstaltung bot nicht nur einen tiefen Einblick in wenig bekannte Aspekte der deutsch-ungarischen Beziehungen im Jahr 1989, sondern machte auch deutlich, welche Bedeutung Ungarn für den Verlauf der europäischen Geschichte hatte.