Am 19. November 2025 fand im Budapester Zentrum des Mathias Corvinus Collegiums, organisiert vom Deutsch-Ungarischen Institut für Europäische Zusammenarbeit, eine Buchpräsentation mit anschließender Podiumsdiskussion unter dem Titel „Denken und Leben eines konservativen Intellektuellen in Deutschland nach 1945” statt. Vor rund 50 Teilnehmern stellte der Publizist und Autor Dr. Alexander Eiber die Biografie des deutschen konservativen Denkers Caspar von Schrenck-Notzing vor.
Der Abend begann mit dem Grußwort von Bence Bauer, dem Direktor des Deutsch-Ungarischen Instituts für Europäische Zusammenarbeit, der betonte, dass Caspar von Schrenck-Notzing für den deutschen Konservatismus das sei, was Roger Scruton für den britischen Konservatismus gewesen war. Anschließend stellte der Historiker Dr. Desiderius Meier, der die Veranstaltung moderierte, die Laufbahn von Dr. Alexander Eiber vor. Dieser studierte in Regensburg und München und arbeitet derzeit nach verschiedenen Funktionen bei der CSU als Publizist und Journalist in Wien.
Zum Einstieg der Buchvorstellung sprach Eiber über den Wandel des deutschen Geisteslebens seit 1968. Seiner Ansicht nach prägt seitdem eine linksdominierte kulturelle Deutungshoheit das Land, die Rationalität und Moral zum alleinigen Maßstab erhebt und traditionelle Gemeinschaften in Frage stellt. Diese „neue Linke“ besitzt eine klare Gruppenidentität und eine eigene Geschichtserzählung, während eine zusammenhängende konservative Gegengeschichte bis heute fehlt. Sein Buch versteht sich daher als ein Beitrag zu dieser fehlenden konservativen Perspektive.
Eiber schilderte anschließend Schrenck-Notzings Herkunft aus einer alten bürgerlich-adligen Familie, deren Tradition für ihn jedoch weniger das Adelsbewusstsein als vielmehr der unternehmerische Geist bedeutete. Zwei prägende Jugenderlebnisse bestimmten sein späteres Denken: Zum einen der frühe Tod seines Vaters, der überzeugter Gegner Hitlers war und seinem Sohn eine tiefe Abneigung gegen Totalitarismus und ideologische Gleichschaltung vermittelte; zum anderen eine Episode aus den letzten Kriegstagen, in der der linksliberale Hauslehrer in Panik geriet – ein Erlebnis, das Schrenck-Notzings Skepsis gegenüber liberalen Weltbildern festigte. Diese Erfahrungen ließen ihn dauerhaft misstrauisch gegenüber Massenideologien und politischer Utopie werden. Schrenck-Notzing veröffentlichte zwischen 1961 und 1988 mehrere einflussreiche Bücher, darunter Charakterwäsche und Die Neue Linke, die zentrale Kritikpunkte an der politischen Kultur der Nachkriegszeit formulierten. 1970 gründete er die Zeitschrift “Criticón”, die über Jahrzehnte als wichtigstes Forum der konservativen Intelligenz in Deutschland galt. Eiber ging auch auf Schrenck-Notzings Verhältnis zur Parteipolitik ein. Zur CDU entwickelte Schrenck-Notzing zunehmend Distanz, während er in Franz Josef Strauß und der CSU einen möglichen Träger einer echten konservativen „vierten Partei“ sah. Politisch blieb er jedoch stets skeptisch gegenüber Parteiapparaten und bewahrte eine grundsätzlich distanzierte Haltung.
Im dritten Teil seines Vortrags widmete sich Eiber schließlich der Frage, was konservatives Denken nach Schrenck-Notzing eigentlich bedeutet. Konservativ zu sein heiße, sich an der Wirklichkeit zu orientieren und die Begrenztheit menschlicher Erkenntnis anzuerkennen; Institutionen wie Familie, Religion und Staat seien für den „Mängelmenschen“ unverzichtbar. Zugleich sei konservativ nicht gleichbedeutend mit dem bloßen Erhalt des Status quo. Zum Abschluss formulierte Eiber vier praktische Maximen, wie konservatives Denken im 21. Jahrhundert wirken könne – darunter die Notwendigkeit einer metapolitischen Strategie nach dem Vorbild Gramscis.