Magyar ist noch nicht Ministerpräsident, formal regiert geschäftsführend Viktor Orbán. Die Wahl des Ministerpräsidenten und dessen Vereidigung im Parlament erfolgen am 9. Mai 2026, zeitgleich mit der ersten Sitzung der Volksvertretung – ein Novum in der jüngsten Geschichte. Der Frischgewählte kann nicht schnell genug ins Amt kommen, er kündigte sogar ein grosses Volksfest für diesen Tag an. Magyar möchte dabei alle am Regierungswechsel Beteiligten in eigener Regie kanalisieren und möglichst an seine Bewegung und Person binden. Dies offenbart sein Selbstverständnis und auch seine Mission: Er gilt nun als starker Mann, dominiert die Szenerie und möchte dem Wählerwillen entsprechend auch im Mittelpunkt stehen. Dabei muss er aber nicht nur sein heterogenes Lager zusammenhalten und für eine Vision sorgen, sondern auch alles dafür tun, alle Wählerschichten von sich zu überzeugen – eine Herkulesaufgabe.

Noch weiss niemand genau, nach welchen Handlungsmaximen die Regierung von Péter Magyar vorgehen wird – gibt sie sich bürgerlich oder doch linksliberal? Wird Tisza eine neue Variante von Fidesz, eine Art «Fidesz light», wie es Politikanalyst Gábor Török formulierte? Wird die neue Regierung mit ihrer parlamentarischen Zweidrittelmehrheit Staat und Gesellschaft komplett neu justieren? Was passiert mit den Einrichtungen, die in den letzten sechzehn Jahren entstanden sind? Welches Zugeständnis wird Brüssel für die Freigabe der gesperrten Geldmittel verlangen? Kann Ungarn weiterhin eine eigene Migrations-, Energie- und Ukraine-Politik betreiben, oder muss es sich den Vorgaben aus Brüssel anpassen? Es deutet viel darauf hin, dass eben keine radikale Kehrtwende zu erwarten ist. Auch die EU-Führung wird mit der neuen Regierung bisherige Streitpunkte nicht ohne weiteres ausräumen können, allenfalls im Inland kann diese einige Akzente setzen. Der neue Ministerpräsident möchte sein grosses Mandat dazu nutzen, die Leiter der Verfassungsorgane wie Staatspräsident, Verfassungsgericht, Gerichtshof oder Rechnungshof auszutauschen. Dies soll seine Macht stärken und ein Durchregieren möglich machen. Die Beteiligten gaben sich wenig begeistert. Ob eine Abberufung demokratisch möglich ist, entzweit die Beobachter.

Das Regierungsteam spiegelt die ganze Bandbreite eines schwierigen Unterfangens: Es finden sich kämpferische Linksliberale, Fachleute und Experten, aber auch ehemalige Fidesz-Parteigänger. Besonders sticht die designierte Vizeregierungschefin und Aussenministerin Anita Orbán hervor, die Energiesonderbotschafterin des Aussenministeriums war. Sie gilt als überzeugte Transatlantikerin und gute Netzwerkerin, warnte aber frühzeitig vor der Energiekooperation mit Russland. Ebenso überrascht Dávid Vitézy, der in der scheidenden Orbán-Regierung sogar Staatssekretär war und als Profi im Verkehrswesen gilt, dabei aber erhebliche Konflikte mit dem abtretenden Minister János Lázár hatte. Dies muss wohl als Fingerzeig gelten. Die Personalpolitik kann als Mischung von Kontinuität und Wandel gesehen werden, knüpft man ja an eine Zeit an, in der Fidesz in der Darstellung von Tisza noch nicht aus dem Tritt gekommen war. Wenig beruhigend ist aber die Tatsache, dass mit Márton Melléthei-Barna der Schwager von Péter Magyar neuer Justizminister werden soll; dabei versprach doch gerade er, mit Vetternwirtschaft aufzuräumen. Auch die Personalie der neuen Kinder- und Bildungsministerin Judit Lannert ist ein Zugeständnis an die vielen linksliberalen Kritiker der Orbán-Zeit. Auf der anderen Seite jedoch verfügt sie über keine persönlichen Erfahrungen aus dem Unterrichtswesen.

Eine Welle an Euphorie und Veränderungswillen trägt die bunt zusammengewürfelte Tisza-Partei mit ihren unterschiedlichen Wählergruppen, Persönlichkeiten und ihrem Rundum-Programm. Zugleich sind viele im Lande unschlüssig, in welche Richtung die Reise geht, da die politischen Botschaften von Tisza widersprüchlich sind. Fraglich ist, wie lange die Begeisterung hält. Ebenso ist entscheidend, ob Péter Magyar, der ja als EVP-Mitglied ausgewiesen kein Linker ist, mit seiner Tisza das bürgerliche Lager nachhaltig an sich binden kann. Sollte ihm dies gelingen, so kann er sich zur neuen zentralen politischen Kraft entwickeln. Doch erst muss er das überambitionierte Regierungsprogramm mit Leben füllen und alte Gräben zuschütten – eine Riesenaufgabe.