Ágnes Forsthoffer ist seit Mai Präsidentin der Ungarischen Nationalversammlung. Sie hat durch ihre ausgleichende Art gute Chancen für höhere Weihen.

 

Nach dem Amtsantritt von Ministerpräsident Péter Magyar richten sich die Blicke auf die personelle Aufstellung seiner unerfahrenen Regierungspartei Tisza. Bei den Neuernennungen sticht besonders eine Person hervor: Parlamentspräsidentin Ágnes Forsthoffer. Die 46-jährige Wirtschaftswissenschaftlerin spricht nicht nur gutes Deutsch, sondern kontrastiert durch ihre konziliante, ausgleichende und elegante Art wohlwollend zur herrschenden politischen Klasse und steht stilsicher für ein anderes Modell der Politikgestaltung.

Forsthoffers steile politische Karriere ist typisch für die neue Tisza, deren Vizepräsidentin sie seit 2025 ist. Bei den Parlamentswahlen wurde sie im Wahlkreis ihrer Heimatstadt am Balaton mit 57% der Stimmen direkt gewählt. Als sie von Parteichef Péter Magyar als Parlamentspräsidentin nominiert wurde, hatte sie kaum jemand auf dem Schirm. Bei ihrer Wahl konnte sie auch die Opposition hinter sich versammeln.

Ihre erste Amtshandlung war das Hissen der vor 12 Jahren entfernten Europafahne an der Fassade des Parlamentsgebäudes. Bei der Eröffnungssitzung der Volksvertretung ließ sie neben der allseits gespielten ungarischen Nationalhymne auch die Europahymne erklingen, eine Geste gegenüber europafreundlichen Kräften im Land, die Tisza unterstützt hatten. Ebenso wurde die Szekler-Hymne abgesungen, was ein Zugeständnis an die Konservativen war. Diese Dualität muss kein Widerspruch sein: Die Ungarn sind glühende Patrioten, aber auch begeisterte Europäer.

In ihren Ansprachen gibt sie sich freundlich, konziliant und kooperativ und kultiviert einen bewussten Alternativstil zu den kämpferischen Reden des neuen Ministerpräsidenten, der eine Generalabrechnung mit der Vorgängerregierung ankündigte – was womöglich aber auch eine abgesprochene Rollenverteilung sein könnte. Als der Ministerpräsident überzog und vom Thema abwich, entzog ihm Forsthoffer kurzerhand das Wort – ein absolutes Novum in der jüngeren ungarischen Parlamentsgeschichte und auch ein Ausweis für die Souveränität der zielstrebigen Sitzungsleiterin.

Zwischen der Absetzung des Staatspräsidenten Tamás Sulyok und der Amtseinführung des Nachfolgers András Baka übte sie für einen Monat das Amt des Staatspräsidenten interimistisch aus. Ostentativ traf sie den in Ungnade gefallenen Sulyok, erklärte öffentlich, dass dessen Behörde eine gute Arbeit gemacht hätte und wünschte dem scheidenden Präsidenten alles Gute. Diese Schritte deuten darauf hin, dass Ágnes Forsthoffer in Form und Inhalt eine auch für die Opposition und Nicht-Regierungsanhänger annehmbare Politik formulieren will.

Als Interimsstaatschefin bestellte sie machtbewusst den Ministerpräsidenten und die Fraktionsvorsitzenden der im Parlament vertretenen Parteien an ihren Amtssitz ein, um einen parteiübergreifenden Konsultationsmechanismus in der Angelegenheit der schwelenden Energiekrise zu etablieren. In einem Zeitungsinterview ließ sie verlautbaren, dass der Staatspräsident in seiner Amtsführung zur Beruhigung der erhitzten politischen Debatte beitragen könne. Den Präsidentenamtssitz im Sándor-Palais öffnete sie an zwei Sommerwochenenden für das große Publikum und stand den interessierten Bürgern persönlich Rede und Antwort.

Bemerkenswert war ihre Absage, Schirmherrin des traditionell in ihrem Wahlkreis ausgerichteten Anna-Balls zu werden, dessen Ballkönigin sie selbst einst war. Das Großereignis in Balatonfüred gilt als Schauplatz der Schönen und Reichen. In ihrem Statement erklärte sie, dass sie kein Gratisticket wolle und der Ball ein Ort der Kultur und des Tanzes sein solle und nicht der politisch Privilegierten. Die Residenz des Parlamentspräsidenten in Budapest bezog sie nicht, sondern will sich mit einer schlichten Mietwohnung in der Innenstadt begnügen, was entweder inszenierte Volksnähe oder aber tatsächliche Selbstbegrenzung ist.

Dabei setzt sie auf einen Stilwechsel zum kompromisslosen Vorgänger, aber auch auf eine Stilverschiebung gegenüber dem dominant auftretenden Ministerpräsidenten. Als die Parlamentspräsidentin einen neuen Generaldirektor ernennen wollte, redete ihr der Regierungschef öffentlich hinein, sie musste die Berufung kurzerhand stoppen. Ob und inwieweit sie sich von ihrem Parteivorsitzenden politisch emanzipieren kann oder will, bleibt eine spannende Frage. Bei einer Direktwahl für den Posten des Staatspräsidenten in ein bis zwei Jahren kann sie sich gute Chancen ausrechnen, lagerübergreifend gewählt zu werden. Bereits jetzt ist sie mit 80% Zustimmung auf Platz drei des Politikerrankings.